Kategorie: Allgemein

Solidarisch gegen Abschiebung

Ende September wurde der achtjährige Shayon Syed Arham aus Nümbrecht mit seiner Familie in der Nacht geweckt und nach Bangladesch abgeschoben. Viele Menschen in der Gemeinde sind empört, der Fußballverein, in dem der Junge kickte, und sein Schulklasse organisieren Solidaritätsaktionen. Am Mittwoch, 20.10.2021, hat die terre-des-hommes-Gruppe Oberberg zu einer gut besuchten Mahnwache aufgerufen. Die Forderungen der RednerInnen (Anne Versaevel-Keller für terre des hommes, Peter Hahner, der die Familie unterstützt, Rainer Förster vom SSV Nümbrecht und Gerhard Jenders von „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun) waren klar: Shayon und seine Familie müssen wieder zurück nach Nümbrecht!

Hier der Redebeitrag von „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!“:

Ich möchte beginnen mit einem Zitat:

„Es war ein schreckliches Erlebnis, dort in dem prächtigen Saal zu sitzen und zuzusehen, wie die Delegierten sich nacheinander erhoben und erklärten, sie hätten gern eine beträchtliche Zahl von Flüchtlingen aufgenommen, seien jedoch dazu bedauerlicherweise nicht imstande. Nur wer ähnliches durchgemacht hat, kann verstehen, welche Gefühle mich erfüllten – eine Mischung aus Kummer, Wut, Frustration und Grauen.

Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte geschrien: ‚Wisst ihr nicht, dass diese »Nummern und Zahlen« menschliche Wesen sind, die vielleicht den Rest ihres Lebens in Lagern verbringen oder in der Welt herumziehen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?’“

Dieser Aufschrei spricht vielleicht vielen von uns aus dem Herzen. Er ist aber nicht neu, das Zitat stammt aus den Erinnerungen von Golda Meir, die 1938 als Beobachterin an der Konferenz von Evian teilnahm. Dort wurde verhandelt, ob und wie viele jüdische Flüchtlinge aus Deutschland von anderen Ländern aufgenommen werden könnten. Menschen auf der Flucht begegneten auch damals die Regierungen mit Kälte und Ablehnung.

Aber es gab Menschen aus allen Schichten und Religionszugehörigkeiten, die ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern Schutz gewährten und sie so gerettet haben.

Als dann vor 72 Jahren das Grundgesetz formuliert wurde, zog man die Konsequenz aus den Erfahrungen der Verfolgten und schrieb das Asylrecht an prominenter Stelle hinein: „Politisch verfolgte genießen Asylrecht.“ Punkt. So klar stand es bis 1993 in Artikel 16 des Grundgesetzes, danach wurde dieses Recht mehr und mehr ausgehöhlt. Immer neue Paragrafen machen es Menschen, die auf der Flucht vor Verfolgung, vor Hunger und Elend sind, fast unmöglich, in Deutschland Sicherheit zu finden. Insbesondere die abstruse Drittstaaten-Regelung: Sie fordert, dass die Staaten, in denen Flüchtende zuerst EU-Boden betreten, für das Asyl zuständig sind. Angesichts der geografischen Lage hat sich Deutschland damit aus der Verantwortung gestohlen und sie auf die Nachbarstaaten abgewälzt.

So lässt sich im Fluchtweg fast jedes Menschen, der bei uns um Asyl bittet, ein Punkt finden, der es ermöglicht, den Antrag abzulehnen. Warum wurden die Gesetze so eingerichtet? Gibt oder gab es einen dringenden Handlungsbedarf? Nein. Die Gesetzgeber haben immer wieder dem Druck rechter und rechtsextremer Kreise nachgegeben, weil sie Sorge hatten, deren Stimmen bei der nächsten Wahl zu verlieren. So ist es heute möglich, dass eine Nümbrechter Familie, die gut in die Nachbarschaft integriert ist, für „ausreisepflichtig“ zu erklären. Mag sein, dass das nach dem Buchstaben des Gesetzes korrekt ist – aber: Ist es menschlich? Ist es gerecht? Ist es verhältnismäßig, die Familie bei Nacht zu überfallen und wegzubringen? Ist mit der Abschiebe-Aktion der Gemeinde Nümbrecht geholfen? Ist dem Kreis, dem Land geholfen? Alle diese Fragen kann ein vernünftig denkender Mensch nur mit Nein beantworten.

Wir können über die Motive der Behörden, die Abschiebung durchzusetzen, nur spekulieren. Gefragt haben sie meines Wissens niemanden, der die Familie und ihr Umfeld wirklich kennt. Sie haben einfach das durchgezogen, wozu sie die Macht haben, ohne die Menschen hinter den Zahlen zu sehen. Es ist deshalb richtig, dass wir heute hier gemeinsam „aufspringen und schreien“ – um noch einmal Golda Meir zu zitieren. Wenn eine solche Unmenschlichkeit, wie sie der Familie von Shayon widerfahren ist, nach „Recht und Gesetz“ erfolgt ist, dann wird es höchste Zeit, die Gesetze so zu ändern, dass sie dem Charakter der im Grundgesetz und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgelegten Prinzipien entsprechen.

Deshalb fordern wir:

Holt Shayon und seine Familie zurück! Sie sind hier zu Hause!

Ändert die Asyl-Gesetzgebung so, dass sie dem Charakter unseres Grundgesetzes entspricht und im Einklang mit den Menschenrechten steht!

Zur Unterstützung der Familie hat der SSV Nümbrecht ein Spendenkonto eingerichtet:

(Screenshot von www.ssv-nuembrecht.de)

Hier der Bericht von Oberberg-Aktuell

Bundestagswahl 2021 im Oberbergischen

Wir stellen unsere Analyse der Ergebnisse zur Diskussion

Wir haben das Abschneiden der Parteien am rechten Rand und insbesondere der AfD in den einzelnen Kommunen und dort in den einzelnen Wahlbezirken unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Es ist viel zu tun, damit Oberberg demokratisch und weltoffen bleibt! Insbesondere Waldbröl hat ein Problem.

Hier unsere Analyse:

Kölner Erklärung für eine Politik der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit

Heute berichtet die Presse über die „Kölner Erklärung für eine Politik der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit“, die auch von vielen prominenten Kulturschaffenden unterzeichnet worden ist.

Wir dokumentieren diese wichtige Erklärung hier im Wortlaut:

Kreativer Protest gegen AfD-Stammtisch

Am 7. September fand in Denklingen ein „Stammtisch“ der oberbergischen AfD statt. Der „Bunte Block Oberberg“ hatte eine Gegenkundgebung angemeldet.

Die Gruppe „Oberberg steht auf gegen Rechts“ berichtet darüber:

Bunter Protest gegen AfD-Bürgerdialog in Reichshof-Denklingen

Am 07.09.21 fand zum wiederholten Mal ein sogenannter Bürgerdialog der AfD im Denklinger Hof statt. Eingeladen dazu war der AfD-Bundestagsabgeordnete Jörg Schneider.

Außer den AfD-Mitgliedern aus der Region waren kaum Bürger zu diesem Dialog erschienen, so dass die AfD ihre Veranstaltung mit weniger als 15 Teilnehmer:innen durchführen musste.

Wesentlich zahlreicher waren auch dieses Mal die Gegendemonstrant:innen erschienen, so dass es draußen vor dem Denklinger Hof lautstarke Proteste gab, die begleitet wurden von Hupkonzerten der vorbeifahrenden Autos, die der Aufforderung „Hupen gegen Rechts“ gerne folgten.

Durch die Einladung des Bundestagsabgeordneten Jörg Schneider beweist auch die Oberberger AfD, dass es keine Abgrenzung zum rechtsextremen Teil dieser Partei gibt. Jörg Schneider ist „Alter Herr“ der rechtsextremen Hamburger Burschenschaft Germania. Schneider sagt, seine aktive Zeit bei der Burschenschaft sei 25 Jahre her, verschweigt aber dabei, dass in der Struktur der Burschenschaften die „Alten Herren“ die jungen „Burschen“ weiter finanziell und persönlich unterstützen, er also durchaus weiter in dieser vom Verfassungsschutz beobachteten Burschenschaft aktiv ist. Schaut man 25 Jahre zurück, also in die Zeit, in der Schneider aktives Mitglied der Burschenschaft Germania war, wird klar, in was für einer Gruppierung er dort mitgemischt hat. „Nationalistisches, rassistisches und antisemitisches Gedankengut ist (…) innerhalb der aktiven Teile der Burschenschaft weit verbreitet“, so die Beschreibung des Hamburger Verfassungsschutzes. Auf Veranstaltungen der Burschenschaft werde „z. T. nationalsozialistisches Liedgut gesungen und in eigenen Liedtexten das NS-Regime verherrlicht“. Weiter heißt es in dem Bericht: „Aus ihrer Ablehnung der Demokratie und ihrer Befürwortung des ‚Führerprinzips‘ machen viele ‚Mitglieder‘ keinen Hehl.“ Der VS berichtet zudem über Wehrsportübungen die ab 1991 stattfanden und an denen neben anderen Rechtsextremen Mitglieder der Burschenschaft beteiligt waren. 1991 war einer der Burschenbrüder Schneiders Andre Goertz, damaliger Landesvorsitzender der ab 1995 verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP)“, der mit „Heil Euch, Kameradinnen und Kameraden“ zu Treffen ins Germanenhaus einlud.

Jörg Schneider ist damit ein klarer Beleg dafür, dass es bei der AfD keine Abgrenzung ins rechtsextreme Lager gibt. Damit macht die AfD wieder einmal deutlich, wie sie sich ihr „Deutschland. Aber normal“ vorstellt: „…rassistische und rechtsextreme Positionen sind Bestandteil des AfD-Programms, der AfD-Strategie sowie der Positionierungen von AfD- Führungspersonen“ heißt es dazu in der Broschüre des Deutschen Instituts für Menschenrechte. (https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/publikationen/detail/nicht-auf-dem-boden-des-grundgesetzes)

Durch den Gegenprotest und das rege Hupkonzert der Vorbeifahrenden wurde deutlich, was die Oberberger:innen von diesen Normalitätsvorstellungen der AfD halten. Bei der Bundestagswahl am 26.09.21 wird sich hoffentlich auch in den Wahlergebnissen zeigen, was die Wähler:innen von dieser rassistischen, rechtsextremen Partei halten.

Materialien im Zusammenhang mit der Bundestagswahl

Bei der Veranstaltung am 19. August gab es viele Informationen, die wir hier noch einmal in schriftlicher Form zur Verfügung stellen möchten:

Eine Studie des DGB „Die AfD vor den Bundestagswahl 2021“ (Autoren: Rainer Roeser und Alexander Häusler)

Eine Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte zur AfD: „Nicht auf dem Boden des Grundgesetzes“

Die Zusammenstellung „Wie rechts ist die AfD?“ von „Oberberg steht auf“

Ein Überblick über kleine Parteien auf dem Stimmzettel (mit Informationen zur AfD Oberberg)

QAnon auch in Oberberg

QAnon-Verschwörungsmythen spielten in den USA beim „Sturm auf das Capitol“ am 6. Januar eine große Rolle. Doch bei uns im Oberbergischen? Leider gibt es auch hier Anhänger dieser wirren und extrem rechten Ideologie. Ein Telegram-Chat dieser Leute wird zu einer Bedrohung im Raum Waldbröl, wie die Antifaschistische Recherche Oberberg (AROB) beobachtet hat:

Hier der Link zur Internetseite der AROB https://aroberberg.wordpress.com/2021/08/12/waldbrolerinnen-geraten-ins-visier-der-extrem-rechten-qanon-sekte/

Wie rechts ist die AfD?

Gemeinsame Veranstaltung am 19. August 2021

Ein kritischer Blick auf Partei, Programm und Kandidaten vor der Bundestagswahl

Vortrag von Rainer Roeser mit anschließender Diskussion

Am 19.08.2021; 19:00 Uhr im Alevitischen Kulturzentrum, Hermannsburgstraße 5, 51643 Gummersbach

Eine Veranstaltung von Oberberg steht auf gegen Rechts, Oberberg ist bunt, nicht braun!, dem Bunten Block Oberberg und dem Netzwerk gegen Rechts im Oberbergischen Kreis.

Bei ihrem Bundesparteitag am 10./11. April 2021 in Dresden hat die AfD ein Wahlprogramm für die Bundestagswahl beschlossen. Dabei wurde nach Ansicht von Beobachtern der Vorschlag des Bundesvorstandes in vielen Punkten deutlich nach Rechts abgeändert.

Rechtsaußen Björn Höcke hat sich mit vielen Anträgen, die er befürwortete, durchgesetzt. Was steht in dem beschlossenen Wahlprogramm? Wie weit nach Rechts hat sich die AfD entwickelt? Zu diesen und anderen Fragen wird der Publizist Rainer Roeser Auskunft geben.

Im Anschluss an den Vortrag soll ein Blick auf die AfD Kandidaten im Oberbergischen Kreis und über andere rechte Parteien, die sich im Oberbergischen aufstellen lassen, geworfen werden.

Die Durchführung ist als Präsenzveranstaltung geplant. Sollte dies aufgrund von Coronaschutzauflagen nicht möglich sein, findet die Veranstaltung virtuell statt.

Es gelten die 3G: Bitte erbringen Sie bei Teilnahme einen Nachweis darüber, dass Sie entweder geimpft, getestet oder genesen sind.

Eintritt frei, Anmeldung beim Netzwerk gegen Rechts erforderlich unter https://netzgegenrechts-oberberg.org/event/wie-rechts-ist-die-afd-2/

Einlassvorbehalt: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechten Parteien oder Organisationen angehören, der rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zu Veranstaltungen zu verwehren oder sie von diesen auszuschließen.

Esther Bejarano ist gestorben

Am Morgen des 10. Juli 2021 ist Esther Bejarano gestorben.

Am 30. März 2019 gab sie ein mitreißenden Konzert in Gummersbach.

Bild: Ingo Winkelströter

Ihr Kampf gegen Faschismus im alten und im neuen Gewand ist uns Verpflichtung, weiter gegen Rechts aktiv zu sein. Wenn wir alle nur halb so viel tun wie Esther, haben Rechtsextremisten keine Chance!

Am 3. Mai hielt sie eine Rede zum Jahrestag ihrer Befreiung aus den KZ Ravensbrück am Lessingdenkmal in Hamburg. Die Rede ist als Video hier zu sehen, und im Folgenden nachzulesen, die Petition „Den 8. Mai zum Feiertag machen“ kann noch unterschrieben werden.

Esthers Rede im Wortlaut (es gilt das gesprochene Wort)

Wir haben die Lande gemessen, die Naturkräfte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben herausgefunden, dass diese Erde groß genug ist; dass sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glücks darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anständig ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will; und dass wir nicht nötig haben, die größere und ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen. Die […] Zeit ist gekommen, wo die Völker nicht mehr nach Köpfen gezählt werden, sondern nach Herzen.

Heinrich Heine, aus: Die romantische Schule, 1833/1836

Liebe Freundinnen und Freunde da draußen – in Berlin, in Dortmund, in Essen, in Frankfurt und Hamburg und an vielen anderen Orten, ich grüße euch!

Heinrich Heine liebe ich für diese wunderbaren Zeilen! Lesen wollte ich die unter dem Heine-Denkmal hier in Hamburg. Eine Baustelle verhindert das – wir sind nun zu Lessing gegangen, dem großen Aufklärer und Verfasser von “Nathan, der Weise”.

Heute vor 76 Jahren bin ich in dem kleinen mecklenburgischen Städtchen Lübz befreit worden, befreit von den amerikanischen und den sowjetischen Truppen. Ihr kennt meine Geschichte: Auf dem Marktplatz haben die Soldaten ein Hitlerbild verbrannt, alle haben gefeiert, lagen sich in den Armen – und ich habe dazu Akkordeon gespielt. Mein größter Wunsch für den heutigen Tag war, noch einmal zu erleben, wie Amerikaner und Russen sich wie damals in Lübz umarmen und küssen und gemeinsam das Ende des Krieges feiern! Den FRIEDEN feiern!

Jetzt muss ich bis zum nächsten Jahr darauf warten. Aber wir feiern diesen Tag trotzdem. Und ihr alle feiert mit uns!

Und an euch, liebe Freundinnen und Freunde in Berlin,

ich freue mich, dass ihr heute am Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus auf das nicht eingelöste Versprechen der Entnazifizierung hinweist. Es gab NIE eine STUNDE NULL! Alte Nazis bauten die Polizeibehörden, das Militär und viele Behörden in der Bundesrepublik auf. Diese Kontinuitäten und der aggressive Antikommunismus sind auch Ursachen für die heute fast täglich bekannt werdenden rassistischen und antisemitischen Vorfälle in den Sicherheitsbehörden. Es ist beschämend, dass heute noch neofaschistische Netzwerke in diesen Strukturen existieren können. Um diesen Bruch mit den NS-Kontinuitäten auszudrücken, brauchen wir endlich einen Feiertag am 8. Mai! 

Corona – im zweiten Pandemiejahr – fordert uns alle heraus: Der Beifall für die Pflegenden und die Dankeslieder von den Balkonen sind verklungen. Die in Pflegeberufen Arbeitenden warnen schon seit vielen Jahren: “Gesundheit ist keine Ware”. Die Kommerzialisierung von Pflege, Gesundheit und Krankheit zeigt in dieser Krise überdeutlich ihre Schwächen. Danke an alle, die helfen, wo immer es ihnen möglich ist, selbstlos und solidarisch. Orte wie Moria aber dürfen wir trotzdem nicht vergessen. Könnten wir uns je verzeihen, wenn wir diesem Elend auf den griechischen Inseln gleichgültig zuschauen?

Aber da gibt auch noch die anderen: die Coronaleugner, die Verschwörungsphantasten. Über die werde ich hier heute nicht sprechen.

Wo stehen wir – dieses Land, wo steht diese Gesellschaft heute – 76 Jahre nach der Befreiung? Im Januar 2020 hab ich mit dem Auschwitz-Komitee einen offenen Brief an die Regierenden geschrieben mit sechs Forderungen.

Die 5. Forderung lautet:

Ich fordere, dass die Diffamierung von Menschen und Organisationen aufhört, die entschlossen gegen rechts handeln. Was ist gemeinnütziger als Antifaschismus? Niemand sollte für antifaschistisches Handeln, für gemeinsame Aktionen gegen den Hass, gegen alte und neue Nazis diskreditiert und verfolgt werden.

Ich bin ja inzwischen fast ein Jahrhundertmensch. Als ich zehn Jahre alt war, haben Bertolt Brecht und Hanns Eisler im Exil geschrieben:

Vorwärts, und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht – beim Hungern und beim Essen – vorwärts und nicht vergessen: Die Solidarität!

Und wie Solidarität wirkt, konnten wir gerade erleben. Wir wussten es ja schon immer: Antifaschismus ist gemeinnützig. Nun haben das endlich auch die Finanzämter erkannt. Altmodisches Briefeschreiben hat gewirkt –ich hatte an den Finanzminister Olaf Scholz geschrieben. Erkämpft ist das durch viele, viele Menschen guten Willens – gemeinsam und solidarisch. Der größten und ältesten antifaschistischen Vereinigung, der VVN-BdA wurde ihre “Gemeinnützigkeit” jetzt behördlich bestätigt. Und sie geht gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervor.

Und nun zu unserer 6. Forderung:

Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschla­gung des NS-Regimes. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.

Das Echo darauf war gewaltig. Begeisterung und Kritik allenthalben. Dann initiierten #DIE VIELEN und die VVN–BdA Petitionen und übergaben viele tausend zustimmende Unterschriften an den Bundestag. Die Sammlung geht weiter!  

Der 8. Mai ist in vielen Ländern Europas längst ein Feiertag. In Deutschland wird vom “Tag der Niederlage” gesprochen, das sei kein Tag zum Feiern. Kritiker sollten aber einfach mal darüber nachdenken, wie wir heute leben würden, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten! Der 8. Mai ist ein Tag der Hoffnung, ein Tag des Nachdenkens! Und wir sollten das Grundgesetz feiern, das in seinem Verständnis von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde ein klarer Gegenentwurf zur NS-Herrschaft ist, die am 8. Mai 1945 endete.

Der 8. Mai muss ein Feiertag werden. Arbeiten wir daran!

Baustellen überall: Nach dem anhaltenden Konflikt um die ehemalige Hamburger Gestapo-Zentrale Stadthaus soll auch ein neuer Erinnerungsort, der an die Deportationen von Juden und Jüdinnen,

Roma und Sinti und anderen politisch Verfolgten gemeinsam erinnern soll, nun in ein Gebäude einziehen, in dem ein NS-belasteter Konzern seinen Sitz haben soll. Wir sagen NEIN und fordern die Auflösung der Verträge. Schon wieder droht ein Projekt in Private Public Partnership zu scheitern. Erinnerung ist nicht privatisierbar. Keine Hausgemeinschaft mit Firmen mit NS-Vergangenheit!

Wir wissen, wohin Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Antiziganismus führen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Neurechte und Neonazis sich die Straßen nehmen und ihre Menschen­verachtung in Parlamenten und Medien ausleben können. Nirgendwo. Wir fordern eindeutige Abgrenzungen zu rechten Brandstiftern. Die Anschläge in Halle, in Hanau, der Angriff vor einer Synagoge in Hamburg – schmerzen.

Wir müssen mehr erinnern, nicht weniger. Verschiedene Erfahrungen sichtbar machen. Das koloniale Erbe des Deutschen Reichs, die Thematisierung von Polizeigewalt durch die Black-Lives-Matter-Bewegung – in der postmigrantischen Gesellschaft fordern von Rassismus Betroffene nicht nur Sichtbarkeit in der Gegenwart, sondern auch für Vergangenes. Für unsere Arbeit ist das Internationalistische Selbstverständlichkeit – auch wenn unsere Kräfte oft dafür nicht ausreichen.

Ich appelliere an alle Menschen: bitte, bitte schweigt nicht, wenn ihr Unrecht seht.

Streitet für eine andere, bessere Gesellschaft ohne Diskriminierung, Verfolgung, Antisemitismus und Rassismus. Bleibt erschütterbar – und widersteht – wie der Hamburger Dichter Peter Rühmkorf schrieb.

Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig!

Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch!
NIE WIEDER FASCHISMUS – NIE WIEDER KRIEG

22. Juni 2021 – Gedenkveranstaltungen

Es war uns wichtig, an den 80. Jahrestag des Überfalls der NS-Wehrmacht auf die Sowjetunion zu erinnern. Statt einer zentralen Veranstaltung haben wir auf drei oberbergischen Friedhöfen an den Gräbern von Zwangsarbeiter*innen der Toten gedacht und ein Zeichen gegen Rassismus und nationalistische Überheblichkeit gesetzt. Denn es geht nicht nur um Erinnerung an ein Ereignis aus der Geschichte, es geht auch darum, Lehren für die Gegenwart zu ziehen!

In Waldbröl erinnert ein Stein auf dem alten Friedhof an der Wiedenhofstraße an 16 junge Frauen und Männer, die aus der damaligen Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden und hier starben. Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Waldbröl hatten über das Leben und das Schicksal der Zwangsarbeiter*innen recherchiert, ihre Ergebnisse und ihre Gedanken dazu trugen die Zehntklässler am Gedenkstein vor.

Zum Artikel der Gesamtschule Waldbröl über die Gedenkaktion

Zum Artikel von „Oberberg Aktuell“

In Wipperfürth erinnert auf dem alten Friedhof am Don-Bosco-Weg eine Gräberreihe an 28 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Bürgermeisterin Loth hat in ihrem Redebeitrag deutlich gemacht, dass wir aus den Verbrechen von damals die Lehre ziehen, solidarisch gegen Rassismus zu handeln. Schülerinnen und Schüler des benachbarten Engelberth-von-Berg-Gymnasiums schilderten das Schicksal einiger der auf dem Friedhof bestatteten Menschen und legten Blumen nieder.

Auf dem Friedhof in Ründeroth befindet sich eine Gedenkstätte, die mit einer Stele und einer Informationstafel im Jahr 2015 neu gestaltet wurde. Zur Gedenkfeier – die leider im strömenden Regen stattfand – kamen auch Bürgermeister Dr. Gero Karthaus und Dr. Frank Gelhausen, der intensiv über die Zwangsarbeit vor Ort recherchiert hat und über die das Schicksal der Menschen informierte, deren Namen lange unbekannt geblieben waren.

Gedenken zu 80. Jahrestag des Überfalls der NS-Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Am 22. Juni 1941 trat mit dem Angriff auf die damalige Sowjetunion der zweite Weltkrieg in die blutigste und grausamste Phase ein. Mit der rassistischen und antisemitischen Ideo­logie vom Kampf gegen „slawische Untermenschen“ und den „jüdischen Bolschewismus“ begann ein Vernichtungskrieg, dem in der UdSSR 27 Millionen Menschen – etwa die Hälfte davon Zivilisten – zum Opfer fielen. Zu den ersten Leidtragenden gehörten auch die jungen Menschen, die aus den eroberten Gebieten zur Arbeit nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert wurden, um die deutschen Arbeiter zu ersetzen, die als Soldaten zum Sterben und zum Töten in den Ländern Europas unterwegs waren. Auch bei uns im Oberbergischen lebten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in La­gern, hielten in oberbergischen Betrieben und in der Landwirtschaft mit ihrer Arbeitskraft die Pro­duktion aufrecht. Viele sind an den Strapazen der Arbeit, an den Folgen der schlechten Ernährung und Unterbringung oder an unzureichend behandel­ten Krankheiten ge­storben. Auf einigen Friedhöfen erinnern Gräber an das Leid der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Stellvertretend wollen wir uns am 22. Juni an drei Orten treffen, um zu gedenken und ein Zeichen gegen alten und neuen Rassismus zu setzen:

An allen drei Veranstaltungsorten haben die Bürgermeisterin / der Bürgermeister ihre Teilnahme zugesagt. In Wald­bröl stellen Schü­lerinnen und Schüler der Gesamtschule die Schicksale der dort bestatte­ten Opfer vor, in Wipperfürth machen dies Schülerinnen und Schüler des benachbarten EvB-Gymnasiums, in Ründeroth wird Dr. Frank Gelhausen, der vor Ort zum Thema Zwangs­arbeit geforscht und die dortige Gedenkstätte initiiert hat, über das Schicksal der dort Bestatteten informieren.

Unser Gedenken soll zugleich eine aktuelle Mahnung sein, denn der 22. Juni 1941 hat gezeigt, wohin Rassismus, gepaart mit antisemitischen Verschwörungs-erzählungen und Nationalismus, führen kann. Wir rufen auf, gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Nationalismus und Feindbilder, für Ver­ständigung und Respekt aufzustehen!

8. Mai – Tag der Befreiung

Gedenken am 8. Mai 2021 auf dem Grotenbach-Friedhof in Gummersbach

Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung von Krieg und Faschismus! Er muss endlich ein Feiertag werden!

Wir konnten in diesem Jahr noch immer kein Fest feiern, wie es für den Anlass angemessen wäre. Deshalb haben wir uns entschlossen, in einer kleinen Corona-konformen Aktion an die Opfer des Faschismus zu erinnern. Wir haben Menschen in den Mittelpunkt gestellt, die garantiert nicht den Nazis zugejubelt haben, die nie für ein „Großdeutsches Reich“ in den Krieg gezogen sind: Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die aus ihrer Heimat verschleppt worden waren, um hier – auch im Oberbergischen – die Wirtschaft am Laufen zu halten. Bei uns im Kreis waren es fast 15000 Menschen, die unter schwersten Bedingungen und fast ohne Lohn für die Deutschen schuften mussten. Die Betriebe brauchten diese Frauen und Männer, um die Produktion aufrecht zu erhalten. Deshalb wurde auch versucht, sie arbeitsfähig zu halten, sie wurden medizinisch versorgt. Trotzdem sind zu viele von ihnen an den Krankheiten gestorben, die sie auf Grund der harten Arbeit und der schlechten Unterbringung erlitten. Es gibt auf vielen Friedhöfen Gedenkorte für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, in Gummersbach sind 45 Menschen begraben, die aus verschiedenen Gemeinden des Kreises in das hiesige Krankenhaus eingeliefert wurden.

Bürgermeister Helmenstein nimmt pandemiebedingt möglichst keine Außentermine wahr, hat aber ein Grußwort geschickt, das verlesen wurde.

Im Anschluss an das Grußwort wurden die 39 Menschen, die auf dem Gräberfeld bestattet sind, sichtbar gemacht, indem wir ihre Namen vorgelesen haben, ihre Herkunft und ihr Alter genannt haben, die Firma, in der sie arbeiten mussten (soweit bekannt) und die Ursache für ihren Tod. Es ist erschütternd zu erfahren, wie jung die Frauen und Männer waren. Die ausführlichen Informationen haben wir (mit Quellen-Angaben) auf unserer Seite zum Gedenkort auf dem Grotenbach-Friedhof zusammengestellt.

Der Bergneustädter Antifaschist Josef Lenze hatte den 8. Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft erlebt. Seine Gefühle an diesem Tag schilderte er in einem Poem, das zum Abschluss verlesen wurde. Wir haben es schon im vorigen Jahr veröffentlicht, hier ist es nachzulesen

Bilder von der Gedenkveranstaltung (zur vergrößerten Ansicht anklicken):