Autor: GJ

Nazi-Vandalismus in Radevormwald

Vor etwa 10 Jahren machte die Nazi-Kameradschaft „Freundeskreis Rade“ mit brutalen Angriffen auch überregional Schlagzeilen, eines ihrer Mitglieder wurde wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach einer Razzia, bei der auch Waffen gefunden wurden, wurde der „Freundeskreis“ verboten. Längere Zeit hat man nicht mehr viel von der rechten Szene aus Radevormwald gehört. Allerdings ist im Stadtrat kontinuierlich eine rechtsextreme Fraktion vertreten: Zuerst war Udo Schäfer mit seinen Gefolgsleuten für „Pro NRW“ im Rat, dann war die Fraktion Teil von „Pro Deutschland„, jetzt ist er als AfD-Vertreter im Stadtrat von Radevormwald und im Kreistag.

In diesem Sommer tauchten in der Umgebung des „Wuppermarkt“ (ein Ladenzentrum in den nördlichen Außenorten an der Wupper) Schmierereien auf: zwei Hakenkreuze und „88“ wurden dort gesprüht.

Fast zur gleichen Zeit wurde ein Beschluss umgesetzt: An den Ortseingängen der Stadt wurden Schilder aufgestellt: „Wir sind bunt! Kein Platz für Rassismus in Radevormwald“ lautete die deutliche Botschaft.

Doch einen Tag später waren diese Schilder mit massiver Gewalt umgerissen und zerstört! Es ist deutlich, dass es sich dabei um einen gezielten und koordinierten Angriff auf die Zivilgesellschaft handelt. Der Rat der Stadt hat in einem gemeinsam (natürlich mit Ausnahme der AfD) unterzeichneten Offenen Brief deutlich Stellung bezogen: Radevormwald wird sich nicht einschüchtern lassen!

Es wäre ein starkes Zeichen der Solidarität, wenn die anderen Kommunen im Kreis die Idee der Stadt Radevormwald aufgreifen und ähnlich deutliche Zeichen gegen Rassismus an ihren Zugangsstraßen setzen würden – gerade jetzt!

Gedenkfahrt zur NS-Zwangsarbeit

Hier der Bericht bei Oberberg-Aktuell

Im Rahmen einer Fahrradtour haben wir mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern einige Gedenkorte zur NS-Zwangsarbeit besucht. Unsere Fahrt am 4. September 2022 begann am Friedhof Klosterstraße in Marienheide. Dort sind 29 Männer und Frauen begraben, die während ihrer Zeit als Zwangsarbeitskräfte oder nach ihrer Befreiung aus den Lagern an den Folgen der Zwangsarbeit gestorben sind. In damals bestehenden Marienheider Krankenhaus wurden nach dem Ende der NS-Herrschaft viele Menschen behandelt, die in Folge der Auszehrung durch die schweren Arbeitsbedingungen an Tuberkulose litten. Diejenigen, die nicht mehr gerettet werden konnten, sind auf dem Friedhof bestattet worden.

Neben den Informationen über die Schicksale, die zu den Namen auf den Grabtafeln gehören, gab es auch einen regen Austausch über die Rekrutierung der Zwangsarbeitskräfte, über ihre Unterbringung und über die beteiligten Firmen.

Die nächste Station der Tour war der Friedhof Gimborn. Dort gab es Informationen zu den unterschiedlichen Gruppen von Menschen, die in den Lagern lebten und starben. In Gimborn sind vier kleine Mädchen bestattet, die in den Lagern geboren waren und dort – meist an mangelhafter Ernährung – gestorben sind. Neben ihnen liegen drei junge Kriegsgefangene, die irgendwo in der Nähe von Madonna oder Blumenau erschossen worden sind.

Um die Lager ging es beim Halt im Leppetal: Dort gab es mehrere Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Vom Lager „Eibacher Hammer“ existieren noch Pläne, die schon im Juni 1940 erstellt wurden. Anhand dieser Pläne wurde vor Ort erläutert, wie das Lager ausgesehen haben muss und wo es stand. Auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfelds standen Baracken für 600 Menschen, in einer „Stube“ von der Größe 6m x 8m „wohnten“ 18 Menschen – nicht viel mehr als 2,5 m² pro Person. Die Baracken hatten dünne Wände, sie boten bei Kälte nicht viel Schutz.

Letzte Station war der Friedhof Engelskirchen. Dort sind wegen der Bombenangriffe auf den damaligen Eisenbahnknotenpunkt viele Opfer in einem Massengrab beigesetzt, darunter auch Zwangsarbeiter*innen. Ein Italiener, der im Rahmen von „Transporten“ von Köln ins Oberbergische unterwegs war, hat eine eigene Grabstätte.

Eine Besonderheit in Engelskirchen ist der kyrillisch beschriftete Gedenkstein für „dreiundfünfzig verstorbene russische Bürger“. (Die Bezeichnung „russisch“ wurde oft pauschal für Menschen aus der damaligen Sowjetunion verwendet, unabhängig davon, ob sie aus Belarus, der Ukraine, Russland, Kasachsten usw. kamen.) Der größte Teil von ihnen sind Kriegsgefangene, die Ende 1941 / Anfang 1942 in Hommerich der rücksichtslos brutalen Behandlung des Kommandanten des dortigen Lagers zum Opfer gefallen sind. Über dieses Verbrechen, für das sich der Lagerkommandant 1951 vor Gericht verantworten musste, wurden die Teilnehmenden der Gedenkfahrt zum Abschluss informiert.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben während der Tour, die nur einen kleinen Teil des Komplexes „NS-Zwangsarbeit“ beleuchten konnten, viel Neues erfahren. Es ist wichtig, die Kenntnisse weiter zu verbreiten und auch auf den Friedhöfen – wie es schon in Ründeroth und in Wipperfürth-Kreuzberg geschehen ist – mit Informationstafeln zu erläutern, was die Gedenksteine zu bedeuten haben.

30 Jahre nach den Pogromen von Rostock:

Gemeinsam und entschieden gegen Rechts – immer und überall!

Vor 30 Jahren, vom 22. bis zum 24. August 1992, randalierte ein rechtsextremer Mob in Rostock-Lichtenhagen. Junge Nationalisten und Rassisten griffen das „Sonnenblumen-Haus“ an, in dem sich die „Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber“ und ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter*innen befand – und Tausende standen dabei und klatschten Beifall. Die Polizei zog sich zeitweise zurück und überließ den Angreifern das Feld. Am 24. August wurde zunächst die Aufnahmestelle evakuiert. Am Abend schlugen die Nazis die Fenster des Wohnheims ein und warfen Brandsätze in das Haus, die vietnamesischen Bewohner*innen retteten sich über das Dach des Hauses und wurden schließlich, als Polizei und Feuerwehr endlich vor Ort waren, mit Bussen evakuiert.

Screenshot aus „The Truth lies in Rostock“

Die Ereignisse sind sehr gut dokumentiert im Film „The Truth lies in Rostock“ und im wikipedia-Artikel „Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen“

Die Reaktionen der Politiker waren beschämend: „Der Staat muss jetzt handeln“, kündigte der damalige Bundesinnenminister Seiters an, „Wir müssen handeln gegen den Missbrauch des Asylrechts, der dazu geführt hat, dass wir einen unkontrollierten Zustrom in unser Land bekommen haben…“ Nicht gegen die Täter sollte vorgegangen werden, sondern den Opfern wurde die Schuld gegeben.

Das Verhalten der Regierenden führte nicht zu einer Deeskalation, denn es gab den Tätern Recht und bestärkte sie in ihrem Handeln. In den folgenden Wochen wurden 40 weitere Wohnheime von Nazis angegriffen. Als dann am 17. November 1992 auch die SPD den Beschluss fasste, die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl mitzutragen, zündeten sechs Tage später Neonazis ein Haus in Mölln an, drei türkischstämmige Frauen kamen in den Flammen um.

Und als Ende Mai 1993 die entsprechende Grundgesetzänderung tatsächlich im Bundestag beschlossen wurde, brannte drei Tag später das Haus der Familie Genç in Solingen – fünf Menschen starben.

Die schrecklichen Ereignisse von 1992/93 haben gezeigt: Man kann Nazis nicht bekämpfen, indem man ihnen nachgibt und ihre Forderungen erfüllt. Das haben die Menschen auch damals erkannt: Hunderttausende gingen Ende 1992 auf die Straßen gegen den Hass, sie forderten ein Zusammenstehen gegen Rassismus. Nach den Morden von Solingen gab es wieder Demonstrationen, auch in Gummersbach. Und dieser Geist der Solidarität, des gemeinsamen Einstehens für die Menschenwürde und gegen den Hass ist das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Nicht immer müssen das große Demonstrationen sein, wichtig ist das alltägliche solidarische Miteinander.

Aber wir müssen wachsam bleiben: Auch wenn zur Zeit keine Brandsätze geworfen werden – die Brandstifter sind nicht verschwunden. Sie sitzen sogar in unseren Parlamenten. Eine demokratische, offene, gleich­berechtigte Gesellschaft gibt es nicht geschenkt. Wir müssen täglich dafür eintreten. Rechten Populisten, Rassisten und Nationalisten dürfen wir keinen Raum bieten. Gemeinsam und entschieden gegen Rechts – immer und überall!

Ob bei Sonnenschein vor der Halle 32 gegen die AfD …
…oder bei Regen mit einer Menschenkette gegen Rassismus: Gemeinsam gegen Rechts!

Spannende Begegnungen bei der 3. Oberbergischen Frag-mich-Messe

Als der Verein „Unser Oberberg ist bunt – nicht braun“ Ende letzten Jahres die Planung der 3. Oberbergischen Frag-mich-Messe in Angriff genommen hat, sollte sie im Nordkreis stattfinden. Wir sprachen die Bürgergruppierung Wir sind mehr im Bergischen aus Hückeswagen an, ob sie sich eine Kooperation mit uns vorstellen könnten. Nachdem klar war, worum es geht, gab es sofort Zustimmung, und die Vorbereitungsgruppe, der auch Mitglieder vom Netzwerk gegen Rechts im Oberbergischen Kreis, von der Fraueninitiative Viola und vom Caritasverband Oberberg angehören, konnten bereits Anfang dieses Jahres mit der konkreten Planung beginnen.
Mit einfühlsamen Liedern stimmte die Sängerin Mehrra Solh, gemeinsam mit ihrem Mann Daniel Zielke, in den Nachmittag ein.


Diese besondere Veranstaltung fand im Kultur-Haus Zach, Hückeswagen – unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Dietmar Persian – mit 40 Teilnehmenden statt. Sie war die dritte in der Reihe nach der ersten 2019 in Waldbröl und der zweiten im letzten Jahr in Bergneustadt.
Wie in anderen Kommunen leben auch in Hückeswagen Menschen aus verschiedenen Kulturen seit vielen Jahren harmonisch zusammen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, gegenseitige Ängste und Vorurteile zu überwinden. Dies gelingt am besten, wenn wir die Haltung und den Hintergrund unseres Gegenübers verstehen. Und gerade in Krisenzeiten – in denen wir uns derzeit befinden – in denen rechte Parteien und Gruppen versuchen, durch Hass und Rassismus die Gesellschaft zu spalten, ist es besonders wichtig, den Zusammenhalt zu stärken. Dies ist wieder einmal mit der Oberbergischen Frag-mich-Messe gelungen.
Alle Beteiligten waren hoch zufrieden mit dem Verlauf der anspruchsvollen Veranstaltung, die sich den Themen Kultur, Tod und Trauer, lebenslanges Lernen und Solidarität widmete. Orientierung bei der Umsetzung gab die Dialog-Methode von David Bohm.

Die Teilnehmenden gingen mit großem Respekt, würdevoll und auf Augenhöhe miteinander um. Die angebotenen vier Themen waren so ausgewählt, dass jede und jeder etwas dazu sagen konnte, ganz gleich, mit welchem Hintergrund die Menschen dabei waren, denn es ging in erster Linie darum, Begegnung zu schaffen und zu vertiefen.
Um die Kontaktaufnahme zu erleichtern wurden sogenannte Dialogtische eingerichtet, an denen es jeweils um eines der Themen ging. An jedem Tisch saß eine „Frag-mich-Person“, die sich gern dazu befragen ließ. Anregungen zu Fragestellungen gaben Impulsfragen, die – ebenso wie die Hinweise zur Methode (Wie funktioniert das hier?) – auf den jeweiligen Tischen auslagen.


So haben auch Menschen, die für bestimmte Themen eine Expertise haben, festgestellt, dass sie durch die Sichtweise anderer Personen neue Erkenntnisse für sich selbst gewinnen konnten.
Ein junger syrischer Teilnehmer zog das Fazit: „Von Menschen, die viele soziale Kontakte und große Erfahrung haben, kann man am besten lernen.“
Ein weiterer Teilnehmer brachte einen Gedanken aus dem Tanztraining ein: „Harmonie geht vor Figur.“
Eine Erkenntnis aus einem weiteren Gespräch: „Wir wissen viel zu wenig darüber, wie wir muslimische Menschen im Trauerfall begleiten und ihnen somit helfen können.“
Die Gespräche an den Dialogtischen waren intensiv und ausdauernd und an jedem Tisch jedes Mal – je nach Zusammensetzung der Teilnehmenden – unterschiedlich.


Die veranstaltenden Organisationen wünschen sich eine Fortsetzung der Reihe im nächsten Jahr. Eine Kommune, die Interesse daran hat, eine Frag-mich-Messe vor Ort durchzuführen, kann sich gern unter info@oberberg-ist-bunt.org melden oder bei den anderen beteiligten Organisationen.

Hier der Bericht aus der Bergischen Morgenpost

Gemeinsam gegen Rechts – immer und überall!

Ein abgelegener Platz am Rande des Gummersbacher Hexenbuchs, ein Sonntagnachmittag im August: Eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger steht zusammen, um daran zu erinnern, dass hier vor 95 Jahren ein Zeichen für die Demokratie in der Weimarer Republik gesetzt wurde, das wenige Jahre später von den Nazis geschändet und abgerissen wurde.

Am 14. August 1927 waren bei strömendem Regen 20 Gruppen des „Reichsbanners“ in Gummersbach zusammen gekommen – auch aus Aachen, Köln, Solingen und Wuppertal. Und es war ein bedeutendes Zeichen, dass der katho­lische Arbeiter- und Meisterverein und der katholische Gesellenverein dabei waren. Es ging darum, sich gegen die immer stärker werdende Entwicklung nach Rechts zu positionieren. Man muss sich das einmal klarmachen: Nach dem plötzlichen Tod Friedrich Eberts war Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt worden – der Hinden­burg, der im 1. Weltkrieg praktisch als Führer der Obersten Heeresleitung eine Militärdiktatur angeführt hatte, der Hindenburg, der mit der „Dolchstoßlegende“ die Demokratinnen und Demo­kraten für die militärische Niederlage der kaiserlichen Armee verantwortlich gemacht hatte (besser kann auch Donald Trump nicht die Wahrheit verdrehen) – dieser Antidemokrat wurde 1925 zum Präsidenten der ersten deutschen Republik. Vorher waren mit den Ministern Erz­berger und Rathenau zwei entschiedene Demokraten von nationalistischen Monarchisten auf offener Straße ermordet worden – Rathenau ganz klar mit antisemitischen Motiven.

In dieser Situation war das Zeichen, das mit diesem Denkmal gesetzt wurde, von enormer Bedeutung.

An dieses Ereignis haben wir 95 Jahre später, am 14. August 2022, erinnert. Vertreter der demokratischen Parteien im Gummersbacher Stadtrat und Bürgermeister Helmenstein sprachen ihre Anerkennung für die Demokraten Ebert, Rathenau und Erzberger aus und warnten vor den demokratiefeindlichen Tendenzen heute.

Hier geht es zum Bericht von Oberberg-Aktuell

Martina Jurkschat begrüßt die Anwesenden im Namen von „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!“
Bürgermeister Helmenstein bei seiner Ansprache

Bürgermeister Helmenstein erinnerte daran, dass auch Friedrich Ebert – obwohl wenn er nicht direkt ermordet wurde – als Opfer der Rechtsextremen zu zählen ist. Sein Tod hing unmittelbar damit zusammen, dass er wegen eines Prozesses, den er wegen einer Verleumdung durch Rechtsextreme anstrengen musste, eine lebenswichtige Operation verschoben hatte.

SPD-Sprecher Thorsten Konzelmann erinnerte an Friedrich Ebert

Thorsten Konzelmann dankte dem Verein „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!“ für die Initiative, an das Denkmal zu erinnern. Im weiteren Verlauf seines Beitrags ging er auf den politischen Werdegang Friedrich Eberts und dessen Position innerhalb der SPD ein.

Für die CDU sprach Rainer Sülzer

Rainer Sülzer betonte, wie wichtig es ist, dass die Demokratinnen und Demokraten für ihre Werte einstehen und sie verteidigen.

Lothar Winkelhoch sprach für Bündnis90/DIE GRÜNEN
Jan Köstering sprach für DIE LINKE
Jürgen Woelke von der FDP

Jürgen Woelke erinnerte daran, dass es gerade in der Umgebung des Denkmals viele Straßen gibt, die nach Generälen und Militaristen benannt sind. Es sei höchste Zeit, Straßen in Gummersbach nach vorbildlichen Demokraten zu benennen.

Die Vertreter der Parteien und die Organisator*innen am ehemaligen Standort des Denkmals

1933 konnten die Nazis an die Macht kommen, Andersdenkende gnadenlos verfolgen und umbringen, dann in ihrem Rassenwahn Juden, Sinti und Roma zu Millionen ermorden und die Welt mit einem Krieg überziehen, der 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Damit so etwas nie wieder geschieht, müssen die Demokratinnen und Demokraten gemeinsam und entschieden gegen Rechts eintreten – immer und überall!

Hier ist unser Bericht über das Denkmal zu lesen

Ein Original-Bericht über die Einweihung des Denkmals ist im digitalen Zeitungs-Archiv NRW zu finden: https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/4126988

AfD-Sommerfest – Kein harmloses Vergnügen

Das angekündigte „Sommerfest“ der AfD Hückeswagen, Wipperfürth und Radevormwald am 13. August 2022 ist keineswegs ein harmloses Vergnügen.

Auf den Facebook-Seiten der AfD Wipper­fürth und der AfD Hückeswagen wird ein Sommerfest für den 13. August angekün­digt, die Hückes­wagener Version bezieht auch Radevormwald mit ein. Der Ort wur­de noch nicht bekannt gegeben, es soll aber „in Wipperfürth“ sein.

Screenshot: Facebook-Seite der AfD Hücheswagen vom 31.7.2022

Ist so etwas eine Erwähnung wert? Wenn die unter sich sind, grillen, Bier trinken und viel­leicht sogar Spaß haben – kann uns das nicht egal sein? Müssen wir jetzt so humorlos sein, dass wir denen nicht ein kleines unpolitisches Vergnügen gönnen?

Leider ist das Sommerfest ganz und gar nicht harmlos und unpolitisch:

Uns liegt eine Mitteilung des Hückeswagener AfD-Funktionärs Markus Lietza an die Presse vor, aus der hervorgeht, dass bis zu 200 Personen erwartet werden. Das sieht schon einmal gar nicht nach einer kleinen internen Feier aus. Angekündigt werden als Gäste fünf Bundestags­abgeordnete, drei Landtagsabgeordnete sowie ein „Über­raschungsgast“.

(Bei dem „Über­raschungsgast könnte es sich um den Dortmunder Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich handeln, der zwar auf der Liste der AfD in den Bundestag gewählt wurde, aber nicht in die Fraktion aufgenommen ist, weil seine Äußerungen selbst der AfD zu radikal waren. Er kommt auf der Facebook-Seite der „Junge Alternative“ ausführlich zu Wort. )

Besonders erwähnt wird Carlo Clemens, der Bundesvorsitzende der als rechtsextrem eingestuften „Junge Alternative“. Zu dieser extrem rechten Gruppierung in­nerhalb der AfD hält die Wipperfürther Parteigliederung nach eigenem Bekunden beson­ders gute Verbindungen. Nach einem Besuch des „JA“-Vorstands in Wipperfürth Anfang Juni 2022 wurde auf Facebook betont, dass viele Mitglieder der AfD in Wipper­fürth zwischen 22 und 31 Jahren alt seien und es daher an der Zeit sei, „die Freund­schaft zu vertiefen“. In dem Post wird an­gekündigt: „Parallel wurde für Mitte August ein Sommerfest in Wipper­fürth ge­plant. Ein Sommerfest der AfD Rade­vormwald, der AfD Hückeswagen und der AfD Wipperfürth unter Federführung der Junge Alternative für Deutschland.“ Es geht also darum, zum einen den Rechts­ruck innerhalb der AfD weiter zu befördern und zum anderen junge Leute für die AfD zu gewinnen und sie im Jugendverband weiter zu radikalisieren.

Screenshot von der Fachebook-Seite der AfD Wipperfürth

Der Hückeswagener AfD-Ratsherr Markus Lietza möchte bei diesem Radikalisierungs­prozess die Führung behalten. Wörtlich heißt es in seiner Mitteilung an die Presse zur Be­gründung der Veranstaltung (Rechtschreibung und Grammatik so im Original) :

Der Grund hierzu ist, dass die AfD Hückeswagen, Ihre Mitgliederzahl mehr als verdoppelt hat und auch durch die Hückeswagener AfD die Wipperfürther AfD stark wächst.

Des Weitern konnte die Junge Alternative Wipperfürth und Hückeswagen bereichern, die nun besonders Stark unter der Führung Hückeswagen in Wipperfürth ist.“

(Interessant ist, dass beim AfD-Kreisverband Oberberg bis heute (3.8.2022) kein Sommer­fest erwähnt ist.)

Es handelt sich bei der geplanten Veranstaltung auf dem Gebiet der Stadt Wipperfürth also keines­wegs um eine harmlose private Feier, sondern um ein gefährliches Radikalisierungstreffen alter und neuer Rechtsextremer. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass der Ort (bisher, Stand 3.8.2022) nicht öffentlich bekannt gemacht wird.

Erinnerung an das Ebert-Rathenau-Erzberger-Denkmal

Vor 95 Jahren, am 14. August 1927, wurde in Gummersbach ein Denkmal eingeweiht, das an den ersten Präsi­denten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, und die von Rechtsterroristen ermordeten Minister Matthias Erzberger und Walther Rathenau erinnerte.

Angesichts der immer stärker werdenden reaktionären rechtsextremen Umtriebe in Deutschland – immerhin war inzwischen Hindenburg Reichspräsident geworden – gab es in ganz Deutschland die Be­strebung, mit Mahnmalen für die Republik ein Zeichen für die Demokratie zu setzen.

Wie in anderen Städten wurde auch in Gummersbach das Denkmal nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler geschändet: 1933 wurden die Plaketten abgerissen, 1935 wurden der Sockel abgerissen, um aus den Steinen eine Rednertribüne für die NSDAP-Kreisparteitage in der Lochwiese zu bauen.

Heute wissen wir, welche Verbrechen die NS-Barbaren angerichtet haben. Dennoch finden anti­demokratische Tendenzen Zulauf, morden Rechtsterroristen politische Gegner wie den Kasseler Regierungspräsidenten Lübke und Mitbürger*innen, die nicht in ihr rassistisches Weltbild passen. Holocaust-Verharmlosung und antisemitische Schablonen finden bis in die Mitte der Gesellschaft hinein Zustimmung.

Das wollen wir zum Anlass nehmen, 95 Jahre nach der Einweihung des Gummersbacher Ebert-Rathenau-Erzberger-Denkmals daran zu erinnern, dass wir gemeinsam für die Demokratie, für Vielfalt und Toleranz, einstehen müssen – immer und überall!

Vertreter*innen der Gummersbacher Parteien Bündnis90/DIE GRÜNEN, CDU, DIE LINKE, FDP und SPD haben ihre Teilnahme an der Veranstaltung zugesagt.

Wir treffen uns am 14. August 2022 um 14 Uhr am ehemaligen Standort des Denkmals.

„DER FEIND STEHT RECHTS!“

Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde der damalige deutsche Außenminister Walther Rathenau von Mitgliedern der rechtsterroristischen „Organisation Consul“ ermordet.

Nachtrag: 5 Jahre nach dem Mord wurde in Gummersbach (wie in anderen Städten) ein Denkmal auch für Rathenau errichtet. Mehr dazu am Ende des Beitrags.

Hier ist dieser Beitrag als pdf-Datei

Wer war Rathenau?

Walther Rathenau stammte aus einer Unternehmerfamilie (sein Vater war Gründer der AEG), er übernahm später den Aufsichtsratsvorsitz der AEG. Nach dem ersten Weltkrieg engagierte er sich politisch als Liberaler in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), ab Mai 1921 war er Minister im Kabinett des Zentrumspolitikers Wirth, ab Februar 1922 Außenminister. Er war eingebunden in Verhandlungen zur Umsetzung des Versailler Vertrags und schloss im April 1922 den Vertrag von Rapallo mit dem sozialistischen Russland.

Was geschah am 24. Juni 1922?

Rathenau ließ sich an diesem Tag wie üblich von seinem Haus zum Ministerium fahren, in einem offenen Wagen. Auf der Königsallee in Berlin-Grunewald wurde sein Wagen von einem ebenfalls offenen Mercedes-Tourenwagen überholt, aus dem der 23-jährige Student Erwin Kern zehn Schüsse aus einer Maschinenpistole auf ihn abfeuerte und der 26-jährige Maschinenbau-Ingenieur Hermann Fischer eine Handgranate in Rathenaus Wagen warf. Rathenau war sofort tot.

Die Mörder konnten nach der Tat entkommen, Kern und Fischer versteckten sich in der Burg Saaleck bei Naumburg (der Besitzer war Mitglied der Organisation Consul), dort kam es am 17. Juli zu einer Schießerei mit der Polizei, bei der Kern getötet wurde, Fischer nahm sich daraufhin das Leben.

Wer waren die Mörder und was waren ihre Motive?

Erwin Fischer, Hermann Kern und auch der Fahrer des Mercedes, Ernst Werner Techow, waren Mitglieder der rechtsterroristischen „Organisation Consul“. Sie war von Hermann Ehrhardt gegründet worden, dessen „Brigade Ehrhardt“ schon 1920 beim Kapp-Putsch einen Umsturzversuch gegen die Demokratie unterstützt hatte und die damals schon als Erkennungszeichen ein Hakenkreuz am Stahlhelm trug. Ziel der Organisation Consul war es, mit Anschlägen die Republik zu destabilisieren, einen Bürgerkrieg zu provozieren und dann mit einer Militärdiktatur die Macht zu erlangen1. Auf das Konto der Organisation Consul ging 1921 der Mord an Finanzminister Erzberger und am 4. Juni 1922 der Mordversuch an Philipp Scheidemann2.

Als Realpolitiker, der die schwierigen Bedingungen des Versailler Vertrags in Deutschland umsetzen musste, war Rathenau bei denen verhasst, die die Ergebnisse des vom Kaiser­reich begonnenen und verlorenen ersten Weltkriegs nicht wahrhaben wollten.

Als Jude und als Demokrat wurde er von denen gehasst, für die die junge Demokratie in Deutschland die „Judenrepublik“ war. Ernst von Salomon, einer der Mitverschwörer bei der Ermordung, sagte 1962 in einem Film des WDR über sein Tatmotiv „Weil er [Rathenau]ein Repräsentant all dessen war, was wir hassten, was wir nicht wollten: Es war die Demokratie„.3

Befeuert wurden die antidemokratischen und antisemitischen Stimmungen auch vom Ex-Kaiser Wilhelm II selbst, der aus dem Exil in den Niederlanden immer wieder gegen die Republik hetzte. Mehr darüber ist in einer sehr lesenswerten Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages4 zu finden.

Die Verbindungen der Mörder reichten bis in den Polizeiapparat: Heiko Kreft beschreibt in seinem Beitrag für den NDR5, wie sich die Täter am 23. Juni die Maschinenpistole in Schwerin bei Erich Bade vom „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“ abholen – völlig unbehelligt von der Polizei. Und das, obwohl in der örtlichen Presse öffentlich vor den Aktivitäten Bades gewarnt worden war. Der Hintergrund: Der Rechtsextremist Bade ist persönlich mit dem Polizeichef Karl Wiggers befreundet, der offensichtlich gezielt „weg­sieht“.6

Im Prozess wurde Techow, der Fahrer des Tatwagens, zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, Mitverschwörer Salomon zu 5 Jahren. Die Hintermänner von der Organisation Consul blieben unbehelligt.

1 Ganz ähnliche Pläne werden auch bei heutigen rechten Terrorzellen aufgedeckt, wie z.B. bei der „Gruppe S.

2Philipp Scheidemann war 1919 erster Reichsministerpräsident der Weimarer Republik, zur Zeit des Mordanschlags war er Bürgermeister von Kassel.

3Zitiert nach Heiko Kreft: Der Mord an Walther Rathenau – Ein Angriff auf die Demokratie https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Vor-100-Jahren-Der-politische-Mord-an-Walther-Rathenau,rathenaumord100.html – zuletzt aufgerufen am 20.6.2022

4https://www.bundestag.de/resource/blob/413384/3c88becac46c9ce290f4567d00a96e8a/wd-1-172-07-pdf-data.pdf

5Heiko Kreft: Der Mord an Walther Rathenau – Ein Angriff auf die Demokratie https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Vor-100-Jahren-Der-politische-Mord-an-Walther-Rathenau,rathenaumord100.html – zuletzt aufgerufen am 20.6.2022

6Erschreckend sind Parallelen zu aktuellen Vorfällen von „Wegsehen“ der Polizeiführung z.B. bei rechtsextremen Chatgruppen.

Wie waren die Reaktionen auf den Mord?

Im Reichstag kam es nach Bekanntwerden des Mordes zu erregten Szenen. Die Vertreter der demokratischen Parteien sahen in den Nationalisten von der „Deutschnationalen Volkspartei“ (DNVP) die geistigen Brandstifter für das Attentat, Rufe „Raus mit den Deutschnationalen!“ wurden laut. Bei der Sondersitzung am 25.6.1922 sprach Reichs­kanzler Wirth dann in Richtung der DNVP-Fraktion die bekannten Worte: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“

(Sprecher der DNVP im Reichstag war ein gewisser Karl Helfferich. Dieser Name ist nur zufällig fast der selbe wie der des AfD-Mannes Helferich aus Dortmund, das „freundliche Gesicht des NS“ – wie er sich selbst bezeichnet hat – der selbst der AfD-Bundestagsfraktion zu extrem war und jetzt ohne Fraktionsstatus im Bundestag sitzt.)

Während SPD, USPD und KPD die lückenlose Aufklärung des Mordes und ein entschie­denes Vorgehen gegen seine Hintermänner forderten, sahen sich die rechten Parteien, insbesondere die DNVP, als Opfer von „Verleumdung“, weil ihnen eine Mitverantwortung an dem Verbrechen vorgeworfen wurde. Sie forderten von der Regierung, dass sie sie „gegen die verlogenen Verleumdungen in Schutz nimmt“. (Quelle: Gummersbacher Zeitung von 27.6.1922)

In der Öffentlichkeit kam es landesweit zu Demonstrationen und Protestkundgebungen, für den 27. Juni und dann noch einmal für den 4. Juli wurde zu Streik und Geschäfts­schließungen aufgerufen. Hierüber berichtete auch die Presse im Oberbergischen Kreis:

Die „Gummersbacher Zeitung“ schreibt am 27. Juni unter der Überschrift „Befristeter Generalstreik“: „Das Bezirkssekretariat der freien Gewerkschaften für Rhein­land, Westfalen und Lippe fordert … für Dienstag die Arbeiter und Angestellten zu einer Kundgebung gegen die Feinde der Republik auf und ersucht, von 12 Uhr mittags nicht nur Fabriken, Werk­stätten und Straßenbahnen stillzulegen, sondern auch in allen Geschäften, Be­rufen und Betrieben, den Gemeinde- und sonstigen Verwaltungen, die Arbeit ruhen zu lassen. – Im Oberbergischen soll die Arbeit von 3 – 5 Uhr nachmittags ruhen.“

Der „Oberbergische Anzeiger“ aus Engelskirchen berichtet am 28. 6. über die Kundgebung in Köln:

Eine mächtige Kundgebung als Einspruch gegen die Ermordung des Ministers des Äußeren, Rathenau, veranstalteten am Dienstag nachmittag die drei sozialistischen Parteien auf dem Neumarkt. Hierzu hatten aufgerufen der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Afabund [Allgemeiner freier Angestelltenbund], die Sozialdemokratische Partei, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei und die Kommunistische Partei. Beteiligt waren die Deutsche Friedensgesellschaft, der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, der Reichs­bund jüdischer Frontsoldaten, der Bund der Freien Schule, das Arbeiter-Sportkartell, der Bund der entschiedenen Schulreformerund der Bund religiöser Sozialisten.

In langen Zügen bewegten sich Arbeiter, Angestellte und Beamten aus dem links- und rechtsrheinischen Köln zum Neumarkt, der um 4 Uhr bereits ziemlich gefüllt war, während in den Nebenstraßen noch lange Züge den Aufmarsch zur Kundgebung vollzogen. Es wurden rote Fahnen und Schilder mit den verschiedensten Aufschriften, zum Teil mit Bilderschmuck getragen. Da hieß es u.a. : “Gegen die politischen Meuchelmörder!“ „Gegen den Wucher!“usw. Nach einem Trauergedenken wurden von etwa 12 Stellen Reden an die Massen gehalten. In der Mitte des Platzes sprach der Reichstags­abgeordnete Sollmann, der sich mit scharfen Worten an die Monarchistenverbände wandte…

Über Kundgebungen in Gummers­bach schreibt die „Gummers­bacher Zeitung“ am 28. Juni:

Kundgebungen anlässlich der Beisetzung des Ministers Rathe­nau fanden gestern auch in Gum­mersbach statt. Nach­mittags hat­ten sich auf dem Schützenplatze Anhänger der sozialdemokra­tischen Parteien eingefunden, denen verschie­dene Ansprachen gehalten wurden. Als die Teil­nehmer an der Kundgebung sich zerstreuten, wurden an verschiedenen Häusern schwarz-weiß-rote Fahnenstangen gewaltsam entfernt: eine etwas merkwürdige Ehrung des Toten.“ (Anmerkung: Schwarz-weiß-rot war die Fahne des Kaiserreichs, es waren im Jahr 1922 die Farben der reaktionären, rechtsradikalen Monarchisten, die auf Grund ihrer Hetze gegen die Republik als geistige Brandstifter für den Mord gesehen wurden. Die „Gummersbacher Zeitung“ stand der DNVP nahe.) Weiter heißt es in dem Bericht: „Abends versammelten sich die Anhänger der demokratischen und Zentrumspartei bei Ising, um gleichfalls eine Kundgebung zu veranstalten. Zwischenfälle wurden nicht gemeldet.“

(Walther Rathenau war Unternehmer, doch es waren Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten, die am engagiertesten gegen seine Ermordung demonstrierten und für die Republik auf die Straße gingen.)

Für den 4. Juli wurde erneut zu Protesten aufgerufen. Die „Gummersbacher Zeitung“ schreibt unter „Neuer Generalstreik am Dienstag“: „Der Allgemeine Deutsche Gewerk­schaftsbund, AfA und die sozialdemokratischen Parteien erlassen einen Aufruf an an das republikanische Volk, in dem alle ernstgesinnten Republikaner im ganzen Reiche auf­gefordert werden, am Dienstag, 4. Juli, wiederum die Arbeit am Nachmittage ruhen zu lassen und in geschlossenen Massen auf Straßen und Plätzen für die bekannten Forde­rungen zu demonstrieren…“ Im Oberbergischen muss es daraufhin mehrere Kund­gebungen gegeben haben, der „Oberbergische Anzeiger“ schreibt am 5. Juli: „Die Trauer um den gewaltsamen Tod Rathenaus gab den Linksparteien gestern zu demokratischen Kundgebungen Anlass, die am Nachmittag in einer mehrstündigen Arbeitsruhe und öffent­lichen Umzügen bestand. Im Oberbergischen wurde den Geschäftsleuten und Wirten anheimgegeben, die Lokale durch Zeichen der Sympathie auf mehrere Stunden zu schließen. Die öffentlichen Umzüge, bei deren Auseinandergehen Reden gehalten wurden, die sich auf den Schutz der Republik bezogen, verliefen ordnungs­gemäß.

Die „Gummersbacher Zeitung“ berichtet über eine Kundgebung in Gummersbach (ohne die Forderungen der Demonstrierenden zu benennen).

Beide Zeitungen berichten über eine Kundgebung in Köln, bei der die Wut über die Monarchisten zum Ausdruck kam: „… Ein Teil des nach der rechten Rheinseite zurück­kehrenden Zuges waren bereits über die Brücke marschiert, als von einem der Teilnehmer eine rote Fahne am Denkmal Wilhelms II angebracht wurde. Das gab der berittenen Polizei, die sich unten an der Brückenrampe aufgestellt hatte, Anlass, das Herunter­nehmen der Fahne zu fordern. … Außerdem hatte man an dem Reiterstandbild den Degen abgerissen und in den Rhein geworfen sowie die Sporen abgeschlagen und sodann ein Plakat mit der Aufschrift „Nieder mit dem Monarchismus“ angebracht. Der Vorfall hatte zur Folge, dass die Polizeimannschaften, die sich in der Nähe befanden, hart ins Gedränge gerieten. Hierbei gab es Wortwechsel, und im Verfolg dessen hat man einen Schutzmann entwaffnet. Von den einzelnen Gruppen des Zuges, die sich über die Brücke bewegten, wurden beim Vorbeimarsch an den aufgesteckten Fahnen Hochrufe auf die Republik und Hurrarufe ausgebracht. …“ („Oberbergischer Anzeiger“ vom 5.7.1922)

Das Ebert-Rathenau-Erzberger-Denkmal in Gummersbach

Nachdem unser Artikel über den Mord an Rathenau erschienen war, erreichte uns ein Anruf von Gunther Franken: Es gab ein Denkmal für Rathenau in Gummersbach. Er stellte uns ein Foto zur Veröffentlichung zur Verfügung, in der Stadtbücherei konnte wir einen Bericht über die Einweihung finden:

Hier der „Nachtrag“ als pdf.

Vielleicht könnte man ja zumindest eine Informationstafel dort aufstellen, wo das Denkmal stand. Nur mal so als Anregung…

Landtagswahl 2022 im Oberbergischen

Das Ergebnis der AfD bei der Landtagswahl am 15. Mai 2022 geht in die richtige Richtung, aber leider hat es nicht ganz gereicht, um ihren Wiedereinzug in den Landtag zu verhindern.
In unserem Landkreis sieht es leider nicht so gut aus, die AfD ist bei uns deutlich stärker als landesweit. Auch überregional wurde berichtet, dass die AfD in Waldbröl-Maibuche über 50% erhalten hat – dort war die Wahlbeteiligung auch extrem niedrig. Genaueres lest ihr in unserer Wahlanalyse.

Die komplette Analyse ist hier: Wahlnanalyse Landtagswahl 2022 in Oberberg

8. Mai 2022

Bericht von unserem Fest für den Frieden

Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung – der Befreiung von Krieg und Faschismus, denn am 8. Mai 1945 hat die Nazi-Wehrmacht endlich kapituliert. Im sechsten Jahr ihrer Herrschaft, am 1. September 1939, überfielen die Nazis Polen und anschließend Holland, Belgien, Frankreich, im Sommer 1941 die Sowjetunion und stürzten die Welt in den fürchterlichsten Krieg, den es je gegeben hat. Am Ende kam der Krieg dann zurück nach Deutschland, mit dem Ergebnis, dass auch unser Land in Schutt und Asche lag. 50 Millionen Menschen kostete dieser Krieg das Leben – die Hälfte davon in der Sowjetunion.

Den 70. Jahrestag der Befreiung hatten wir am 8. Mai 2015 mit einem Freundschaftsfest gefeiert, den 75. Jahrestag konnten wir 2020 pandenmiebedingt nur mit einem dezentralen Gedenken begehen. Doch in diesem Jahr konnten wir endlich wieder draußen feiern. Wir stellten das Fest angesichts der politischen Lage unter das Motto „Fest für den Frieden“, denn wir feiern auf der einen Seite das Ende des zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945, auf der anderen Seite müssen wir aber sehen, dass mit dem Angriff der Truppen der russischen Föderation auf die Ukraine der Krieg wieder nach Europa gekommen ist, dass Krieg in vielen Ländern der Erde herrscht. 

Wir hatten ein vierstündiges Programm zusammengestellt (am Ende wurden es viereinhalb Stunden), mit viel Musik, aber auch mit Redebeiträgen und mit Lyrik. Hier geht es zum Bericht bei Oberberg-Aktuell.

Zur Beginn spielte Gülistan Kaymac „Blowing in the wind“, nach der Begrüßung der Besucher*innen durch den Vorsitzenden von „Oberberg ist bunt“ und durch den stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Marquart, spielte Gülistan Lieder aus dem Nahen und Mittleren Osten.

Annina Struve und HugoOnion waren die erste Band, sie spielten „Funkastic Rock’n Soul“ und lockten mit ihrer Musik immer mehr Menschen in den Gummersbacher Stadtgarten auf dem Steinmüller-Gelände.

„Den 8. Mai feiern? Angesichts des Kriegs in der Ukraine? Ja! Denn wir müssen daran erinnern, dass der Faschismus nur besiegt werden kann, wenn die Menschen zusammenhalten! Der Angriff der Armee der russischen Föderation auf die Ukraine ist eine Schande angesicht der gemeinsamen Befreiung von Auschwitz durch russische und ukrainische Soldaten.“ – Das war der Tenor der Redebeitrags von Gerhard Jenders

Reiner Becker spielt schon lange Blues in Gummersbach – es war eine Freude, ihn am 8. Mai bei uns zu haben! Und vielen dank dafür, dass er ein stimmungsvolles Finale ermöglicht hat! (siehe unten)

Wir feiern in diesem Jahr auch 15 Jahre „Oberberg ist bunt“. Gudrun Martineau berichtete aus 15 Jahren Aktivität gegen Rechts, für Vielfalt und Toleranz.

Die vielseitige Musik von Jabaroo zeigte, dass Menschen aus allen Ecken der Welt zusammengehören, dass Didgeridoo und Harfe mit E-Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug harmonieren, wenn man es richtig macht.

Martina Jurkschat und Monica Buchfeld trugen lyrische und mahnende Texte vor: „Wer bin ich?“ von Dietrich Bonhoeffer (Martina Jurkschat) und „Das Phänomen“ von Hanns-Dieter Hüsch (Monica Buchfeld). Monica Buchfeld erinnerte mit einem Apell der Gummersbacher Bürgermeisters von 1947 daran, wie die Menschen bei uns damals Hilfsbereitschaft gegenüber geflüchteten zeigten.

Ein starkes und lautes Statement gegen Hass und Krieg kam zum Ende von Ragetrack, der „Rage-against-the-machine“-Tribute-Band. Die Stimmung erreichte einen Höhepunkt!

Das Lied der „Moorsoldaten“ entstand in den ersten KZs, die die Nazis schon 1933 eingerichtet hatten. In den „Moorlagern“ mussten vor allem politische Gegner der NS-Diktatur schuften. Dieses Lied wurde zu einer Hymne des Widerstands. Dank Reiner Becker konnten wir es zum Abschluss unseres Festes für den Frieden gemeinsam singen!

Und wie wurde das Fest finanziert? Wir finanzieren unsere Arbeit tatsächlich ganz aus Spenden! Spenden, die nicht von der heimlichen Weltverschwörung kommen, sondern von Oberbergerinnen und Oberbergern. Einen Mitgliedsbeitrag gibt es in unserem Verein nicht, doch einige unterstützen uns immer wieder mit kleineren oder größeren Beträgen. Zusätzlich geht ein ganz herzlicher Dank an das Netzwerk gegen Rechts und die Sparkasse Gummersbach, die mit großzügiger Förderung die professionelle Bühne und die Tontechnik ermöglicht haben. Und ein großer Dank an die Besucher*innen, die beim Fest gespendet haben – so sind noch einmal 500€ zusammengekommen!

1. Mai

Am 1. Mai 2022 gab es endlich wieder eine öffentliche Kundgebung der Gewerkschaften in Gummersbach. Wir waren mit einem Stand und einer Rede dabei.