Mahnwache für Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Vili Viorel Păun, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov und Fatih Saraçoğlu, die am 19. Februar 2020 in Hanau einem rassistischen Anschlag zum Opfer fielen.

Auch in diesem Jahr haben wir wieder am 19. Februar eine Mahnwache für die Opfer des rassistischen Terrors von 2020 abgehalten. Wir müssen regelmäßig daran erinnern, denn Rassismus und Menschenfeindlichkeit werden zu einer immer größeren Gefahr für unsere Gesellschaft.
Es waren fast 40 Menschen zusammengekommen, die der Kälte trotzten.



Redebeiträge kamen von Gulezar Özmen vom Alevitischen Kulturverein, Aziz Kocyigit von der DIDF und Gerhard Jenders von „Oberberg ist bunt“ (siehe unten)


Die Kundgebung endete mit einer Schweigeminute.

„Oberberg-Aktuell“ war vor Ort und hat berichtet: https://oberberg-aktuell.de/lokalmix/trauern-und-haltung-zeigen-a-128260
Der Redebeitrag von „Oberberg ist bunt“:
In den Abendstunden des 19. Februar 2020 ermordete ein aufgehetzter Rassist in Hanau Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Vili Viorel Păun, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov und Fatih Saraçoğlu.
Er erschoss diese Menschen, weil sie ein wenig anders aussahen als er selbst, weil ihre Namen anders klangen als seiner, weil sie oder ihre Vorfahren aus einem anderen Land stammten als er selbst. Und weil er meinte, diese Menschen hätten deswegen weniger Recht auf ein Leben unter uns als er selbst.
Er beging sein Verbrechen in einem Land, in dem seit 1990 fast 200 Mitbürgerinnen und Mitbürger von rechtsextremen „Herrenmenschen“ ermordet worden sind, aus rassistischen Motiven, aus politischen Motiven oder – wie vor 10 Jahren, im September 2016 in Waldbröl – aus Frust darüber, dass die Flüchtlinge, die man eigentlich angreifen wollte, sich gewehrt hatten. Er beging sein Verbrechen in einem Land, in dem jahrelang eine Kette rassistischer Morde nicht aufgeklärt wurde, in dem rassistische Hetze nicht nur auf der Straße, sondern auch im Wahlkampf und in den Parlamenten zu Wort kommt, in dem rassistische Zuschreibungen durch Politikerinnen und Politiker schon fast zum Alltag gehören.
Er konnte sein Massaker verüben, weil die Behörden versagten. Sie versagten am Abend des 19. Februar 2020, als der Notruf nicht zu erreichen war, sie versagten im Vorfeld, als sie Alarmsignale, die vom Täter ausgingen, nicht wahrnahmen.
Und wieder war die Rede vom „verwirrten Einzeltäter“, wie beim Anschlag auf die Synagoge in Halle, wie beim Mord an Walter Lübke, für den nur ein Täter verurteilt wurde, dessen Umfeld aber freigesprochen wurde.
Ja, das wissen wir alle – aber das ist jetzt sechs Jahre vorbei. Warum erinnern wir immer wieder daran? Wir stehen hier, weil es eben nicht vorbei ist.
Es ist nicht vorbei für die Opfer. Opfer waren auch die, die das Massaker damals überlebten, aber schwer verletzt und traumatisiert wurden. Vor wenigen Wochen ist Ibrahim Akkuş gestorben. Er war am 19. Februar 2020 von 8 Kugeln getroffen worden, er hatte schwer verletzt überlebt und war nach monatelangem Krankenhausaufenthalt auf einen Rollstuhl angewiesen. Er wurde von seiner Frau und seiner Tochter liebevoll gepflegt, bis er am 10. Januar diesen Jahres an den Spätfolgen seiner Verletzungen verstarb.
Es ist nicht vorbei für die Angehörigen, die mit dem Schmerz leben müssen und die jahrelang vom Vater des Täters belästigt, beleidigt und bedrängt worden sind.
Es ist nicht vorbei für unsere Gesellschaft, in der Alltags-Rassismus immer wieder das Leben von Migrant:innen bestimmt.
Es ist nicht vorbei für unsere Gesellschaft, in der Politiker, die sich als „Mitte“ ansehen, Probleme mit dem „Stadtbild“ haben, wenn sie Menschen mit Migrationshintergrund sehen.
Es ist nicht vorbei für unsere Gesellschaft, in der eine extrem rechte Partei in den Parlamenten sitzt, eine Partei, die Millionen unserer Mitbürger:innen deportieren will.
Es ist nicht vorbei, wenn wir mitansehen müssen, wie in den USA rassistische Hetzjagden offizielle Regierungspolitik geworden sind und wenn deren Außenminister Rubio am Samstag in München Kolonialismus und Imperialismus als „stolzes Erbe“ Europas feiert – und dafür noch Applaus bekommt.
Es ist nicht vorbei, wenn die Unterstützung der extrem Rechten in Europa Teil der offiziellen US-Sicherheitsdoktrin sind, wenn die AfD als Agentin der autoritären Regimes in den USA und in Russland noch immer in den Parlamenten und auf den Straßen hetzen darf. Es wird höchste Zeit, dass das Verbotsverfahren gegen diese gesichert rechtsextreme Partei eingeleitet wird!
Damit es irgendwann vorbei ist, sind wir gefordert: Wir sind verantwortlich für die Stimmung in unserem Land, für die Stimmung in unseren Städten!
Wir müssen weiter auf die Straßen – gegen Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Faschismus – für eine aufgeklärte, solidarische und gleichberechtigte Gesellschaft. Heute hier in Gummersbach, morgen in Overath, wo die AfD einen „Politischen Ascherfreitag“ abhalten will, am Montag in Düsseldorf, wo der Faschist Björn Höcke bei der örtlichen AfD auftritt. Es ist nicht gemütlich zurzeit – aber wenn wir müssen da durch. Wir alle. Gemeinsam.
Ich danke euch.
Redebeitrag von Gulezar Özmen:
Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,
wir stehen heute hier, um an die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau zu erinnern. Wir stehen hier, weil wir nicht schweigen können – und nicht schweigen werden.
Der rassistische Anschlag vom 19. Februar jährt sich heute zum 6. Mal.
6 Jahre, seitdem 9 Menschen aus dem Leben gerissen worden sind.
6 Jahre voller offener Fragen, voller Wut und Trauer.
6 Jahre, seit denen sich die Angehörigen unermüdlich für eine Aufarbeitung einsetzen.
Und 6 Jahre, in denen zu wenig politische Konsequenzen gezogen worden sind.
Wir gedenken heute:
Gökhan Gültekin.
Sedat Gürbüz.
Said Nesar Hashemi.
Mercedes Kierpacz.
Hamza Kurtović.
Vili Viorel Păun.
Fatih Saraçoğlu.
Ferhat Unvar.
Kaloyan Velkov.Und Ibrahim Akkuş, dem letzten Opfer dieser grauenvollen Tat, der am 10. Januar 2026 an den Spätfolgen seiner Schussverletzung starb.
Diese Namen dürfen wir niemals vergessen.
Sie waren Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, Freundinnen und Freunde. Jeder einzelne von ihnen war ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, mit Hoffnung und Träumen. Und jeder einzelne von ihnen fehlt.Dieser Anschlag war kein Einzelfall. Er war das Ergebnis eines Systems, das Rassismus duldet, verharmlost und zu oft ignoriert.
Wir haben es satt, nach jedem rechten Anschlag Worte der Betroffenheit zu hören, ohne dass daraus Konsequenzen folgen.
Wir haben es satt, dass sich unsere Gemeinschaften immer wieder um ihre Sicherheit fürchten müssen.Als migrantische Organisation wissen wir, was es bedeutet, Teil dieser Gesellschaft zu sein – und doch immer wieder als „die Anderen“ behandelt zu werden.
Aber wir sagen heute laut und deutlich:
Wir sind hier. Wir gehören hierher. Und wir lassen uns nicht vertreiben.Wenn wir heute an Hanau erinnern, dann erinnern wir nicht nur an diesen einen Tag. Wir erinnern an ein Problem, das in diesem Land nicht erst seit Hanau existiert. Rassismus und rechter Hass sind kein neues Phänomen. Und es wird zu wenig darüber gesprochen, dass dieses Problem immer stärker wird.
Deshalb fordern wir:
Erstens:
Lückenlose Aufklärung.
6 Jahre sind nun vergangen und noch immer warten Angehörige auf Antworten. Es braucht endlich eine umfassende Aufarbeitung dieser Nacht, damit offene Fragen geklärt werden.Zweitens:
Konsequentes Handeln gegen rechten Terror.
Rassismus tötet. Rechte Gewalt muss als ernstes und reales Problem anerkannt werden. Der Staat muss endlich konkrete Maßnahmen ergreifen, um Menschen zu schützen.Drittens:
Ein gesellschaftliches Umdenken.
Rassismus ist ein strukturelles Problem. Rassismus wird genährt durch Sprache, durch Schweigen, durch Normalisierung im Alltag. Wir alle tragen die Verantwortung, Rassismus zu widersprechen.Wir sind heute hier, um zu trauern. Aber wir sind auch hier, um Haltung zu zeigen. Um zu kämpfen – für Gerechtigkeit, für ein Leben ohne Angst, für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch sicher und in Würde leben kann, unabhängig von Namen, Hautfarbe oder Herkunft.
Wir vergessen nicht. Und wir vergeben nicht.
Erinnern heißt verändern.Hanau war kein Einzelfall.
Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, Rassismus und rechter Gewalt bewusst entgegenzutreten, damit sich solch eine Tat niemals wiederholen.