Fahrradtour zu Gedenkorten
An vielen Orten im Oberbergischen waren während der NS-Zeit Zwangsarbeitskräfte interniert. Die Baracken, in denen sie untergebracht waren, existieren nicht mehr. Erhalten sind die Gräber derjenigen, die die harten Arbeitsbedingungen und die schlechte Ernährung nicht überlebt haben.
Nachdem es im Frühjahr 2025 eine Tour von Marienheide nach Wipperfürth und im Herbst eine von Marienheide über Gimborn nach Engelskirchen gegeben hatte, führte die Tour am 25. April 2026 von Gummersbach nach Bergneustadt.


Startpunkt war das Steinmüller-Gelände in Gummersbach. Bei Steinmüller waren insgesamt 1054 Zwangsarbeitskräfte, die aber nicht aller gleichzeitig dort gearbeitet haben können. denn die Lager in der Umgebung waren auf rund 350 Personen ausgelegt.

An der Gedenkstätte auf dem Grotenbach-Friedhof wurde über das Schicksal der dort Bestatteten berichtet. Die jüngste Zwangsarbeiterin unter ihnen war Theofila Amrogowiez aus der Ukraine, die schon mit 14 Jahren als „Hilfsarbeiterin“ bei „Eisen- und Stahlbau“ in Morsbach arbeiten musste, sie ist 1943 im Alter von 15 Jahren gestorben. Informationen über 45 Opfer der Zwangsarbeit sind hier zu finden.

Die Zeitzeugin Ludwika Kot-Kukielka hatte als Kind die deutsche Besetzung Polens, die Verschleppung aus der Heimat nach Deutschland und die Zeit im Lager der Firma Sondermann in Gummersbach erlebt. In ihrem Bericht, aus dem am ehemaligen Standort der Firma Sondermann zitiert wurde, schildert sie auch den tragischen Tod des kleinen Wiesio Stasiak, der auf dem Gummersbacher Friedhof begraben ist. Am Ende ihres Berichtes beschreibt sie, wie die Zwangsarbeitskräfte in den ersten Tagen nach der Befreiung auf sich selbst angewiesen waren und keine Möglichkeit hatten, als zum Überleben Vorratslager aufzubrechen.
In Dümmlinghausen hatte lange Zeit eine große Textilfabrik der Firma „Chr. Müller & Sohn“ gestanden. In den 1950er Jahren schildert die Firma, wie die Ford-Werke Ende 1944 nach Dümmlinghausen kamen:
„Im November 1944 wurde auf Veranlassung des Reichsverteidigungskommissars zu Köln unser Zweigbetrieb Dümmlinghausen beschlagnahmt. Die Beschlagnahme erfolgte zu Gunsten der Fordwerke AG., Köln.
Wenige Tage nach Zustellung der Mitteilung über die Beschlagnahme wurde eine Speer-Transportkolonne mit der Demontage des Maschinenparks beauftragt. Der Abbau der Maschinen erfolgte entsprechend der Zusammensetzung der Kolonne durch Ausländer verschiedener Nationen, die bis dahin kaum eine Spinnerei gesehen haben durften. Entsprechend der Sachkenntnis der Beauftragten wurden die hoch empfindlichen Spinnereimaschinen, wie Krempelsätze und Selfaktoren, als Schrott behandelt. …
Nach dem Abtransport der Maschinen trat der Aufbaustab für die Fordwerke in Tätigkeit und schleuste zunächst 700 Ausländer, überwiegend russische Zivilangehörige, in den Betrieb ein. In die Böden wurde gehackt, in die Bruchsteinmauern Tore mit dem Räumbagger eingefügt, um Durchlässe für die von Antwerpen zu erwartenden schweren Verarbeitungsmaschinen zu schaffen. In den Gebäuden wurde mit Kränen und Lastwagen rangiert, hierbei die gesamten Installationen für Heizung und Transmissionen unter gleichzeitiger Beschädigung der Dachkonstruktion heruntergerissen. Durch das lebhafte Treiben auf dem Fabrikhof war der Betrieb ein Anziehungspunkt für Tiefflieger, durch die an den Gebäuden noch erheblicher Schaden angerichtet wurde….
Die „Außenstelle“ der Ford-Werke war bestand nur von März 1945 bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945, 500 Zwangsarbeitskräfte waren dort interniert. In den letzten Kriegstagen sind dort 3 von ihnen ums Leben gekommen. In einem Schreien der Stadt Gummersbach aus dem Jahr 1949 wird berichtet:
„Auf dem Fabrikhof der Fa. Chr. Mueller & Sohn in Duemmlinghausen befinden sich 3 Graeber mit unbekannten Leichen. Die Personen waren in dem Auslaenderlagerer der Fa. Ford-Werke A.G. Koeln, das sich von Anfang Maerz 1945 bis 11.April 1945 infolge Verlagerung des Betriebes in Dummlinghausen befand, untergebracht bzw. wohnhaft. Soweit festgestellt werden konnte, sind die 3 Auslaender kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945 durch Granatsplitter getoetet und von Lagerinsassen auf dem Fabrikhof beerdigt worden. Die Fa. Ford-Werke A.G. in Koeln, die ich um Aufklaerung gebeten hatte, hat laut Mitteilung durch Rundfrage bei ihren Werksangehoerigen lediglich feststellen koennen, dass es sich bei den Verstorbenen um einen Mann, der Schuhmacher war und mit Vornamen Stefan hiess, und eine Mutter mit ihrem Kind handelt, kann aber weitere Angaben infolge Vernichtung vieler Unterlagen nicht mehr machen. Soweit bekannt, sollen die verstorbenen Personen russischer oder polnischer Nationalitaet sein.“
Im Übergangsbereich zwischen Derschlag und Bergneustadt liegt „Schönenthal“. Dort gab es in den 1940er Jahren vier Betriebe, die von Zwangsarbeit profitierten: Kriegeskotte, K.F. Wahlefeld, Pühler und Leybolds Nachfolger . Eine Besonderheit bei der Firma Kriegeskotte ist, dass es dort auch ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene gab.

Auf dem Bergneustädter Friedhof sind zehn Gräber. Einige der Bestatteten sind in den letzten Tagen des Krieges bei Bombenangriffen ums Leben gekommen, andere an Tuberkulose gestorben. Eine tragische Geschichte verbindet sich mit dem Grab des kleinen Willi Kadaniek, der 1943 an „Ernährungsstörungen“ gestorben war: Sein Vater ist in den letzten Wochen des Krieges mit 30 Jahren an Lungentuberkulose gestorben, sein Grab ist auf dem Gummersbacher Friedhof. Alle Informationen zu den Gräbern in Bergneustadt sind hier.

Den Abschluss fand die Radtour in Vollmerhausen. Dort befand sich die Textilfabrik von Leopold Krawinkel. Auch von ihm gibt es eine Schilderung der Ereignisse in der letzten Phase des Krieges, die er im März 1956 abgegeben hat. Der Text macht deutlich, dass Krawinkel eine Distanzierung von der NS-Zeit fehlte, dass er sich als Opfer sah. So schreibt er zu Löscharbeiten nach einem Bombenangriff:
„Da die Löscharbeiten durch sich wiederholende Anflüge der Jabos und vielleicht auch Bordwaffenbeschuß immer wieder gestört werden, werden sie nicht nicht voller Kraft durchgeführt. Dazu kommt, daß nur mehr wenige Männer vorhanden sind und daß ein Teil von ihnen sich auch in die umliegenden Wälder, Schutzstollen usw. verkrümelt, so daß die Zahl der zur Verfügung stehenden Kräfte viel zu gering ist….“
Weiter hinten äußert er dann ein (vergiftetes) Lob für die Arbeiterinnen und widerspricht damit seiner Aussage:
“ Sie haben sich … an den Lösch- und Aufräumungsarbeiten vorbildlich beteiligt, jedenfalls besser als man es von Ausländern und vor allem Frauen hätte erwarten können.“
Den Einmarsch der US-Truppen und die damit verbundene Befreiung der Zwangsarbeitskräfte kommentiert er mit den Worten:
„… Sie wurden von einigen der Fremdarbeiter, leider auch von einigen Ortsansässigen als Befreier begrüßt…
In den nächsten Tagen hält das Plündern an. Es beginnt eine Zeit der Überfälle in der Ortschaft und in der unmittelbaren Umgebung. Vor allem die Fremdarbeiter, unter ihnen besonders die Polen, teilweise auch Russen, fühlen sich frei zu tun, was sie wollen und werden von der Besatzung daran nicht gehindert, gelegentlich sogar dazu ermutigt.“
Aus der Sicht der Zwangsarbeitskräfte hatte Ludwika Kot-Kukielka geschrieben, wie es wirklich war:
… Man verkündete uns, den Gefangenen des Lagers, dass das Kriegsrecht uns die Möglichkeit gibt, innerhalb der nächsten 24 Stunden mit unseren Verfolgern abzurechnen. Die verhungerten Menschen gingen los auf die Geschäfte. Auf dem Fabrikgelände befand sich ein Lager mit Lebensmitteln für deutsche Soldaten. Die Schlösser wurden aufgebrochen, die Türe aufgeschlagen und alles, was man essen konnte, rausgeholt: Der Hunger der letzten 2 Wochen hatte das Seine getan.
Weil es nach der Vorstellung des Krawinkel-Schilderungen schon spät war, wurde auf die Fahrt zum Friedhof Dieringhausen verzichtet. Die Schicksale der sechs dort Bestatteten sind hier nachzulesen.
Die 20 TeilnehmerInnen beschrieben sie Radtour als sehr informativ und eindrucksvoll.