
Am Vormittag des 9. November 2025 wurde die Ausstellung „Keine Zeit für Tränen“ über die mutige Niederländerin Geertruida Wijsmuller-Meijers, die 10.000 jüdische Kinder vor den Nazis rettete, in den Räumen der VHS Gummersbach feierlich eröffnet.
Die Ausstellung wird in Kooperation der VHS Gummersbach, des Netzwerks gegen Rechts im Oberbergischen Kreis und des Vereins „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!“ gezeigt


Dominik Clemens, Leiter der VHS Gummersbach, begrüßte die Anwesenden, machte deutlich, wie wichtig das Thema für die Volkshochschule ist und wies auf den Film „Truus‘ Children“ hin, der am 25. November um 18 Uhr gezeigt wird.

Für „Oberberg ist bunt“ beschrieb Gerhard Jenders die Situation, in der Geertruida Wijsmuller-Meijers ihre mutige Rettungsaktion startete und zog Parallelen zu heute. Er stellte auch den Komponisten Viktor Ullmann vor, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. (s.u.)

Monica Weispfennig-Buchfeld stellte in einem bewegenden Vortrag die Frau vor, die es schaffte, gegen viele Widerstände die Rettungsaktion für 10.000 „nicht-arische“ Kinder aus Deutschland, Österreich und den von NS-Deutschland besetzten Gebieten zu organisieren. (s.u.)

Jürgen Regneri berichtete, warum und wie das Falken-Bildungswerk die Ausstellung übersetzt, konzipiert und in erweiterter Fassung zum Verleih zur Verfügung gestellt hat.


Der Text von „Oberberg ist bunt“:
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesende,
auch von mir ein herzliches Willkommen im Namen von „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun“. Diese Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Volkshochschule Gummersbach, dem Netzwerk gegen Rechts im Oberbergischen Kreis und uns. Ich möchte mich zunächst bei all denen bedanken, die die Ausstellung und diese Vernissage ermöglicht haben – ich mache es in der zeitlichen Reihenfolge:
Vielen Dank an Gabriele Dreistein, die das Thema und die Ausstellung für uns entdeckt und hier her geholt hat.
Vielen Dank an Nadine Lindörfer vom Netzwerk gegen Rechts, die die Vorbereitung und Durchführung unterstützt hat. Sie ist heute leider krank – von hier aus gute Besserung!
Vielen Dank an Dominik Clemens, Leiter der VHS Gummersbach, der nicht nur mit bei der Vorbereitung gearbeitet hat, sondern vor allem auch die Räume hier zur Verfügung stellt.
Vielen Dank an Jürgen Regneri vom Falken Bildungs- und Freizeitwerk Bergisch Land, der die Ausstellung mit konzipiert und uns zur Verfügung gestellt hat. Er wird gleich noch zu uns sprechen.
Vielen Dank an Monica Weispfennig-Buchfeld, die uns gleich die Hauptperson der Ausstellung, Geertuuida Wijsmuller-Meijers, vorstellen wird.
Vielen Dank an das Oberbergische Streichquartett, das unsere Vernissage musikalisch begleitet. Sie haben für uns eben den ersten Satz aus Haydns „Sonnenquartett“ gespielt – zum weiteren musikalischen Programm sage ich nachher noch etwas.
Heute ist der 9. November – vor 87 Jahren begann die Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland. Schon 1933 – nur zwei Monate, nachdem ihnen die Macht übergeben worden war – hatten die Nazis mit der Boykottaktion gegen ihre Geschäfte und Praxen die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger im ganzen Land drangsaliert, auch hier in Gummersbach. Zwei Jahre später wurde mit den „Nürnberger Gesetzen“ der Rassismus zur Vorschrift, die Menschen in Deutschland wurden in Staatsbürger erster und zweiter Klasse einsortiert, die Liebe zwischen den einen und den anderen wurde verboten und als „Rassenschande“ diffamiert. Und dann, drei Jahre später, die massiven Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.
So wie wir heute autoritäre Regimes oder „illiberale Demokratien“ wie in Russland, in Ungarn, in der Türkei und zunehmend in den USA mit Sorge betrachten, so blickte auch damals die demokratische Öffentlichkeit in den Nachbarländern mit Sorge nach Deutschland. Engagierte, empathische Menschen sorgten sich um die Jüdinnen und Juden in Deutschland, um verfolgte Oppositionelle – Regierungen sorgten sich darum, dass möglicherweise Flüchtlinge ins Land kommen und um Hilfe bitten könnten. Auch das kennen wir.
Im Juli 1938 tagte die Konferenz von Evian, zu der europäische und amerikanische Staaten eingeladen waren, um über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland zu beraten. Das Ergebnis: Alle Regierungen fanden irgendwelche Gründe, warum gerade ihr Land keine Menschen aufnehmen konnte. Die Flucht der Juden von ihren Schlächtern wurde zur „illegalen Migration“ – wie man heute sagen würde – sechs Millionen haben es nicht geschafft, den ab 1941 einsetzenden Massakern und der ab 1942 organisiert stattfinden systematischen Ermordung zu entkommen.
Die Berichte über die Pogromnacht im November 1938 rüttelte die Nachbarländer noch einmal auf. Schließlich fand sich Großbritannien bereit, 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland einreisen zu lassen. Bedingung: Die Kinder mussten ohne ihre Eltern kommen, britische Familien mussten die Kinder aufnehmen und für sie sorgen. Das war die Situation, in der Truus Wijsmuller-Meijers ihre großartige Rettungsaktion startete. Was sie tat, war nicht immer legal – aber es war menschlich, es war Nächstenliebe. Nach ihrer Motivation gefragt, sagte sie einmal: „Wenn du helfen kannst, musst du helfen!“ – so einfach, so klar und auch heute noch ein leider so dringender Appell an uns alle.
Ich wollte noch etwas zur Musik sagen: Am heutigen Datum kann man nicht nur Haydn spielen. Das Streichquartett wird uns gleich den ersten Satz aus dem dritten Streichquartett von Viktor Ullmann zu Gehör bringen. Viktor Ullmann, geboren 1898, war ein österreichischer Komponist, ein Schüler Arnold Schönbergs. Er lebte ab 1931 in Stuttgart, doch 1933 konnte er dort nicht bleiben – weil er Jude war – und zog nach Prag. Wir wissen heute, dass er auch dort nicht sicher war. Schon 1938 marschierten deutsche Truppen in Prag ein. Viktor Ullmann wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort hat er unter schwierigen Bedingungen weiter komponiert – auch das dritte Streichquartett stammt aus der Zeit seiner KZ-Haft. Am 16. Oktober 1944 wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.
Zur Erinnerung an die Pogromnacht gab es gestern Abend schon ein Gedenken hier in Gummersbach am Simonsplatz. Heute Abend um 18 Uhr findet die Gedenkveranstaltung in Nümbrecht statt. Wer still gedenken möchte, kann das heute um 19 Uhr am Simonsplatz oder an einem der Stolpersteine tun.
Der Text, mit dem Monica Weispfenning-Buchfeld „Tante Truus“ vorstellte:
Kennen Sie Oskar Schindler? Natürlich kennen Sie Oskar Schindler; er hatte 1200 Menschen – jüdische Frauen, Männer und Kinder – vor der Ermordung in Auschwitz bewahrt, indem er sie in seiner Firma als unabkömmlich einstufte. Der Film „Schindlers Liste“ über diese mutige Rettungsaktion hat Millionen Menschen bewegt, Oskar Schindler ist zu Recht in den Herzen der Menschen hoch geehrt.
Doch heute möchte ich Ihnen eine Person vorstellen, die noch viel mehr Leben vor der Ermordung durch die Nazis gerettet hat. Eine Frau, die 10.000 „nicht-arischen“ Kindern die Flucht aus Nazi-Deutschland nach England ermöglichte. Und das in der kurzen Zeit von November 1938 bis September 1939.
Geschafft hat das Geertruida Wijsmuller-Meijer oder eben „Tante Truus“, wie sie von den Kindern genannt wurde.
Geertruida Meijer war Niederländerin, 1896 in Alkmaar geboren. Ihre Eltern waren durchaus wohlhabend – der Vater Apotheker – liberal und weltoffen. Und sie hatten Werte: Sie brachten ihren Kindern bei, sich für sozial benachteiligte Menschen einzusetzen – unabhängig von Hautfarbe, religiöser Einstellung oder Nationalität. Aus dieser Haltung heraus hatte die Familie kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs Kinder aufgenommen, Kinder aus Österreich, die in Not waren, weil ihr Land seine Kräfte im Krieg verpulvert hatte.
Geertruida besuchte die Handelsschule und arbeitete bei einer Bank in Amsterdam. Sie lernte Johannes Franciscus Wijsmuller kennen – den Prokuristen einer anderen Bank. Sie heirateten 1922.
Sie hatte sich darauf gefreut, Mutter zu werden, doch es stellte sich heraus, dass für sie dieser Wunsch unerfüllbar bliebe. Das war für sie ein schlimmer Schicksalsschlag. Doch sie verfiel nicht in Depression oder Verbitterung, sondern verwandelte ihre enttäuschte Hoffnung in soziale Aktivitäten. Hier wurde ihre enorme psychische Kraft sichtbar: Sie konnte Krisen nicht nur aushalten, sondern gestärkt und gereift aus ihnen hervorgehen. Wenn wir den Wortstämmen Geer und Treud folgen, sehen wir, dass Geertruida ihrem Namen alle Ehre machte: Ger stammt von Speer und Trauda von stark, mutig ab.
Von nun an widmete sie sich, unterstützt von ihrem Ehemann, bedürftigen Kindern. Sie leitete eine Tagesstätte für Kinder berufstätiger Frauen, sie koordinierte die häusliche Hilfe für Frauen in Mutterschaftszeit oder Krankheit. Sie übernahm Verantwortung für das Amsterdamer Waisenhaus „Burgerweeshuis“. Sie half, Wohltätigkeitsveranstaltungen auszurichten und sammelte Spenden für all die Organisationen, in denen sie als Ehrenamtliche mitarbeitete. Es sprach sich schnell herum, wie viel diese durchsetzungsfreudige Frau für ihre Ziele erreichen konnte! Durch ihre zahlreichen Initiativen und Aktivitäten hatte sie bald ein großes und finanziell starkes Netzwerk aufgebaut. Dabei halfen auch die beruflichen Kontakte ihres Ehemannes zu einflussreichen Personen des Landes. Und natürlich gehörten zu ihrem Netzwerk auch jüdische Kreise, denn es ging ihr immer um die Menschen – unabhängig von Herkunft oder religiösen Einstellungen.
Nachdem 1933 in Deutschland die Nazis an die Macht gekommen waren, arbeitete sie beim niederländischen Komitee für jüdische Flüchtlinge und half immer wieder Jüdinnen und Juden, Deutschland zu verlassen und sich ein neues Leben in den Niederlanden aufzubauen.
Die Pogromnacht in Deutschland, der 9. November 1938 , wurde für viele jüdische Familien zum Fanal: Wir müssen hier raus! Weil eine legale Ausreise schwierig war, setzten verzweifelte Eltern ihre Kinder in den Zug Richtung Niederlande. Doch an der Grenze wurde ihnen die Einreise verweigert. Berichte über Kinder, die im Grenzgebiet herumirrten, kamen auch Geertruida zu Ohren. Sie zögerte nicht, sondern fuhr in einem geliehenen Auto sofort zur Grenze. Auf einem der Feldweg dort traf sie auf einen verstörten jüdischen Jungen. Sie konnte ihn beruhigen und überzeugen, dass sie es gut mit ihm meinte. Bei den folgenden Kontrollen versteckte sie ihn kurzerhand unter ihrem Rock und brachte ihn tatsächlich wohlbehalten nach Amsterdam. Von da an schmuggelte sie regelmäßig jüdische Kinder in die Niederlande, die das mittlerweile eingerichtete Kinderkomitee auf Pflegefamilien oder auf entsprechende Einrichtungen verteilte. So gelang es ihr beispielsweise, sechs Kinder, deren Mütter sich vergeblich um Ausreisevisa für sie bemüht hatten, heimlich von Hamburg nach Amsterdam zu schmuggeln – Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit war und blieb Geertruida fremd.
Die Brutalität der Nazis blieb im Ausland nicht verborgen. Zwar war noch nicht die Rede von der „Endlösung“, also von der Ermordung der jüdischen Bevölkerung in ganz Europa, noch ging es „nur“ darum, den Jüdinnen und Juden das Leben in Deutschland so schwer wie möglich zu machen und sie zur Flucht ins Ausland zu drängen (wobei ihr Besitz natürlich dem NS-Staat zugute kommen sollte). Doch wo sollten sie hin? Antisemitische Ressentiments gab es auch in den Nachbarländern, hinzu kamen „diplomatische Rücksichtnamen“ – man könnte auch sagen: Feigheit – bei einigen Regierungen. Der Druck aus den Zivilgesellschaften sorgte Ende November für mehr Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. Schließlich erklärte sich der britische Premierminister Chamberlain Ende November 1938 bereit, 10.000 jüdische Kinder ins Land zu lassen – ausnahmlos ohne die Eltern.
Eine Chance für 10.000 Kinder – doch lassen die Nazis sie ziehen? Wer kann verhandeln?
Der Mut von Geertruida Wijsmuller-Meijer war inzwischen weit über die Niederlande bekannt. Also wurde sie vom niederländischen Komitee für jüdische Angelegenheiten nach Wien geschickt, um von den NS-Behörden die Erlaubnis für die Emigration der Kinder zu erhalten. Warum nach Wien? Dort saß die „Zentralstelle für die jüdische Auswanderung“. An ihrer Spitze der berüchtigte Adolf Eichmann. Um etwas zu erreichen, musste Geertruida mit ihm sprechen.
Sie schildert ihre Begegnung:
Er saß auf einem Podium, neben ihm der Schäferhund, eine Lampe mit grellem Licht auf mich gerichtet. „Zeigen Sie mir Ihre Hände! Ziehen Sie den Mantel aus! Gehen Sie ein paar Schritte ohne Schuhe! Nehmen Sie Rock und Bluse hoch!“ Ich sagte: „Nun haben Sie genug gesehen. Nun lassen Sie uns übers Geschäft sprechen.“ Eichmann: „Wir sind es nicht gewohnt, mit Frauen zu sprechen.“ Ich: „Das gehört sich nicht. Ich bin ordentlich gekleidet. Mein Mann muss Geld verdienen, sonst wäre er vielleicht mitgekommen. Also haben Sie es mit mir zu tun.“
Eichmanns Aufforderungen waren ihr merkwürdig erschienen, aber „um der guten Sache willen“ hatte sie mitgemacht, obwohl sie es sehr befremdlich gefunden hatte. Sie wusste nicht, dass SS-“Wissenschaftler“ behaupteten, an Fingern und Zehen, an ein oder zwei Lidfalten, am Nasenknochen und den Ohren sicher feststellen konnten, ob jemand jüdisch sei. Eichmann war – so schildert sie in ihrer Biographie „Keine Zeit für Tränen“ – zu dem Ergebnis gekommen: „Sie sei rein-arisch und verrückt“
Der SS-Sturmbannführer Eichmann machte ein Angebot, das er mit der Bemerkung „Na schön, machen wir nen Witz“ einleitete: Wenn es ihr gelänge, innerhalb von fünf Tagen einen Transport von 600 Kindern zu organisieren, würde er ihr die Ausreise von 10 000 Kindern erlauben. Eichmann war sicher, dass das nicht zu schaffen sei. Doch er hatte nicht mit der Energie und der Durchsetzungskraft von Geertruida Wijsmuller-Meijer gerechnet: Mit Hilfe ihrer Kontakte in den Niederlanden gelang es ihr, innerhalb der vorgegebenen Zeit den Transport für 600 Kinder aus Wien, Prag und Deutschland zusammenzustellen. Am 11. Dezember 1938 fuhr der Zug von Wien in Richtung Hoek van Holland ab. Dort bestiegen die Kinder ein Schiff, das sie ins sichere London brachte. Der Weg war frei für die Rettung von 10.000 Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und den besetzten Gebieten!
Von nun an ging es im wahrsten Sinne des Wortes Zug um Zug. Geertruida Wijsmuller-Meijer organisierte Transporte aus Wien, Frankfurt, Hamburg, Berlin und Breslau, aus Prag, Danzig und aus Königsberg. Jede Woche mehrmals. Es waren jeweils Gruppen von um die 150 Kindern, insgesamt 74 Fahrten. Oft hat sie die Transporte begleitet, mindestens ab der Grenze bei Emmerich. Für die Kinder war sie „Tante Truus“ und wenn sie eine Gruppe in Empfang nahm, war sie leicht zu erkennen: Sie hatte einen schwarzen Regenschirm aufgespannt und es war klar: Sie beschirmte die Kinder mit ihrer Kraft und ihrem Elan, bis sie in Sicherheit waren.
Natürlich war es für die Eltern nicht leicht, ihre Kinder loszulassen. Weil die deutschen Behörden keine Abschiedsszenen auf den Bahnhöfen wollten – das hätte Aufsehen und vielleicht sogar Mitleid bei den Leuten erregt – wurde es den Eltern kurzerhand verboten, mit zum Bahnhof zu gehen. Eine Mutter, die das Verbot umging, beschreibt ihre Gefühle:
„Bald müssen wir uns verabschieden. Die Kinder sollen reihenweise zum Zug geführt werden…Ich küsse meinen Jungen und flüstere ihm zu, schau am Bahnhof Zoo aus dem Fenster – mehr nicht… Ich werfe mich ins Auto, ich rase zum Zoo, löse die Bahnsteigkarte, stürze hinauf und bin vor dem Zug noch da. Der Bahnsteig ist ziemlich leer, niemand verbietet mir, an den Zug heranzugehen. Und – mein Junge sieht aus dem Fenster – und sieht seine Mutti noch einmal – Einen feinen Platz habe ich, Mutti, zwitschert er mit seinem Kinderstimmchen. Noch einmal halte ich meines Jungen geliebte Hände, er beugt sich aus dem Fenster – noch ein Kuss und der Zug entführt ihn mir…Mein Kind ist fort!…“
Am 1. September 1939 überfielen die NS-Truppen Polen. In der Folge herrschte auch zwischen Deutschland und England Kriegszustand – die Grenzen wurden geschlossen, es gab keine legale Möglichkeit mehr, jüdische deutsche Kinder dort in Sicherheit zu bringen.
Doch bis dahin hatten es 10000 Kinder durch die Hilfe von „Tante Truus“ geschafft. Und Geertruida Wijsmuller-Meijers Arbeit ging weiter: Am 10. Mai 1940 – sie ist gerade in Paris – marschieren die Nazi-Soldaten in den Niederlanden ein. Doch 60 bis 70 jüdische Waisenkinder sind noch im Burgerweeshuis untergebracht! Sofort bricht sie nach Amsterdam auf, drei Tage später ist sie da. Am nächsten Tag kommt aus Den Haag die Nachricht, dass in Ijmuiden ein Schiff für fluchtbereite Jüdinnen und Juden bereitliege. In einer unglaublichen Aktion organisiert Wijsmuller fünf Busse. Doch die reichen nicht, um alle ausreisewilligen Menschen zu transportieren. Die Zeit drängt, weitere Busse sind nicht aufzutreiben. Nicht alle können mitfahren. Um vier Uhr am Nachmittag ist die Abfahrt, sonst ist das Schiff nicht mehr zu erreichen. In Ijmuiden angekommen, bringt Wijsmuller die Kinder umgehend auf den Frachter Bodegraven, weitere 190 Personen gehen an Bord. Um 19.30 Uhr erhält der Kapitän die Nachricht, dass er sofort aufbrechen muss. Das Schiff ist erst halb voll, viele Menschen warten noch am Kai, als die Bodegraven um 19.50 Uhr ablegt. Zehn Minuten später, um zwanzig Uhr, kapituliert die niederländische Regierung. Die Grenzen sind ab sofort unpassierbar, die Häfen geschlossen. Das Schiff wird zwei Mal von deutschen Kampfflugzeugen beschossen, aber niemand wird verletzt, die Flüchtlinge erreichen sicher den Hafen von Liverpool. Noch viele Jahre später macht Geertruida die Erinnerung an diesen Tag zu schaffen: „Hätte ich nur mehr Helfer gehabt, hätte ich nur mehr Busse bekommen, ich hätte wenigstens alle diese Menschen retten können, die dort standen.“
Unter den Geretteten befand sich die 15-jährige Dora Unger aus Essen. Sie war mit ihren Eltern und ihrem Bruder im November 1938 in einer dramatischen Flucht über die grüne Grenze in die Niederlande gekommen. Dort wurde sie im Burgerweeshuis untergebracht. Ihre Erinnerung an die Rettung in letzter Minute zeigt, wie Geertruida es schaffte, den Druck von den Kindern fern zu halten:
„Frau Wijsmuller kam ins Burgerweeshuis und sagte, wir sollten uns schnell anziehen. Wir fuhren mit einem Bus fort und bis wir Ijmuiden erreichten, dachte ich, es ginge auf einen Ausflug. Als wir an der Wohnung meiner Eltern vorbeikamen, wollte ich aussteigen, aber der Bus hielt nicht an. An Bord des Schiffes glaubten wir zuerst, Tante Truus würde mit uns kommen. Aber sie sagte, sie müsse bleiben und anderen Menschen helfen.“
Und das hat sie getan. Sie half Kindern aus Frankreich, über Marseille nach Palästina oder nach Amerika zu kommen, sie beschaffte Lebensmittel und Medikamente für Flüchtlingslager, sie organisierte gefälschte Papiere, sie kümmerte sich um Möglichkeiten, den Menschen in den KZs Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und mehr zukommen zu lassen.
Geertruida Wijsmuller-Meijer war nicht die einzige: Es gab weitere Organisationen und Aktivist*innen, die jüdische Kinder und Jugendliche aus dem Machtbereich der Nazis retteten. Recha Freier, die aus Norden in Ostfriesland stammte, rettete ebenfalls Tausende und verhalf ihnen zur Ausreise nach Palästina. Viele andere haben geholfen. Insgesamt waren es 20000 Kinder, die gerettet werden konnten – die Hälfte davon durch „Tante Truus“.
Hinweis: Dieser Text wurde auf Grundlage der Biografie bei fembio.org erstellt
Die Ausstellung ist noch bis zum 30. November 2025 in den Räumen der VHS Gummersbach (Brückenstr. 1 in 51643 Gummersbach) zu sehen. Sie wendet sich besonders an Kinder und Jugendliche. Der Besuch ist kostenfrei. Schulen und Gruppen werden gebeten, sich bei der VHS Gummersbach anzumelden. Dort kann gegebenenfalls auch eine Führung vereinbart werden.
Weitere Information zum Thema gibt es bei tantetruus.de