Friedensmarsch in Bergneustadt

Beim diesjährigen Friedensmarsch in Bergneustadt haben wir uns mit unserem Banner beteiligt. Hier der Bericht von Oberberg-Aktuell:

Foto: Michael Kleinjung (bearbeitet)

Unser Text konnte aus Zeitgründen nicht mehr vorgetragen werden, deshalb hier unsere „ungehaltene Rede“:

„Friedensmarsch gegen Gewalt, Terror, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – und natürlich gegen die Kriege in der Welt“ – ist das nicht ein sperriger Titel? Ist das nicht einfach nur ein Sammelsurium?Nein – all das gehört zusammen! Ich will das aus meiner Sicht als Vorsitzender von „Oberberg ist bunt“ begründen:

Krieg, Gewalt und Terror – klar, dass das zusammen gehört. Aber auch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind Ursachen und zugleich Folgen von Kriegen – sie bedingen einander und verstärken sich gegenseitig.

Wir haben im vorigen Herbst, als es 85 Jahre her war, dass Nazi-Deutschland den zweiten Weltkrieg begonnen hatte, zusammengestellt, wie das NS-Regime von Anfang an auf den Krieg hin gearbeitet hat:

Schon im ersten Jahr, im Herbst 1933, wurde der Austritt aus dem Völkerbund erklärt. (Zur Erinnerung: Das wichtigste Ziel des Völkerbunds war es, nach den Schrecken des ersten Weltkriegs einen erneuten Weltkrieg und eine Wiederaufrüstung Europas zu verhindern.) Austritt aus internationalen Organisation – das kennen wir heute wieder aus den Forderungen der AfD und auch vom jetzigen US-Präsidenten.

Ab 1933 setzten die Nazis Pläne für den Ausbau der Rüstungsindustrie und eine massive Aufrüstung der deutschen Armee in die Tat um. Goebbels tönte 1936: „Man kann zur Not auch einmal ohne Butter, nie aber ohne Kanonen auskommen!“ Wer wo heute überall massiv aufrüstet – für die Aufzählung fehlt mir die Zeit. Es graust einen, wenn man sieht wie viele Menschen heute auf unserer Erde nicht nur ohne Butter, sondern ganz ohne ausreichende Nahrung, ohne Zugang zu sauberem Wasser leben müssen, während Abermilliarden in den Taschen der Rüstungsindustrie verschwinden.

Die Militarisierung der Gesellschaft in der Hitlerjugend, im Arbeitsdienst und in anderen Massenorganisationen der Nazis war ein weiterer Baustein für den Weg in den zweiten Weltkrieg. Hitlers Forderung an die Jugend, sie müsse „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ werden, macht zugleich die selbstverständliche Verbindung mit der Rüstungsindustrie deutlich. In Anbetracht dessen jagt mir der heute oft gehörte Begriff „kriegstüchtig“ einen kalten Schauer den Rücken hinunter.

Zu den Kriegsvorbereitungen nach außen gehörte bei den Nazis auch der Terror nach innen, gegen alle, die sich der herrschenden Ideologie widersetzten. Schauen wir heute nach Russland, schauen wir in die USA, schauen wir in so viele andere Länder: Gegner der nationalistischen Großmachtpolitik werden ausgegrenzt und verfolgt, Oppositionelle werden auch heute mundtot gemacht.

Propagandistische Unterstützung kam in der NS-Zeit durch die Behauptung, die Deutschen seien ein „Volk ohne Raum“, sie müssten „Siedlungsraum“ vor allem im Osten bekommen, um sich entfalten zu können. Der Rassismus, die Ideologie von der deutschen „Herrenrasse“, rechtfertigte für die Nationalsozialisten die Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen. – Die Nachkriegsordnung hat Unterdrückung und Ausbeutung nicht abgeschafft. Nach dem Ende der Kolonialzeit werden die Länder des globalen Südens weiter wirtschaftlich ausgebeutet, Kriege werden geführt oder unterstützt, um den Zugang zu Rohstoffen und Bodenschätzen zu bekommen. Auf die Spitze getrieben hatte Donald Trump das mit seinem Video von der „Riviera“ an der Küste Gazas, wo die „Herrenmenschen“ am Strand liegen und eine goldene Trump-Statue errichtet wird. Und das war keine leere Drohung: im 20-Punkte-Plans für einen Waffenstillstand in Gaza ist festgeschrieben, dass es dort eine „Sonderwirtschaftszone“ geben soll, dass „Investoren“ angezogen werden sollen, die einen Aufbau nach dem Vorbild von „Wunderstädten im Nahen Osten“ – gemeint ist so etwas wie Dubai – durchziehen. Zwar soll niemand gezwungen werden, Gaza zu verlassen – aber die Menschen, die jetzt den Krieg dort überstanden haben, werden sich ein Leben in einem solchen Frieden nur noch als Arbeitssklaven leisten können.

Und ich fürchte, dass die 28 Punkte für die Ukraine, die jetzt verhandelt werden, den Menschen dort nicht viel Besseres bringen werden.

Trump wird von uns allen hier – so vermute ich mal – verachtet. Und das zu Recht. Aber er ist eine Karikatur, die Überspitzung einer Grundhaltung, die auch in unseren Köpfen steckt: Wir sehen auf uns, wir sehen auch unsere Nachbarn, aber wir vergessen dabei oft den Blick auf das Ganze. Schon Goethe hat im Faust diese Haltung karikiert: „Nichts Bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei. Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen …- … sie mögen sich die Köpfe spalten, mag alles durcheinander gehen – doch hier zu Hause bleibt‘s beim alten.“ Wir sind heute nicht viel weiter. Wenn es bei den Kriegen um Weiße geht, ist uns das nahe, wenn im Sudan Menschen dunkler Hautfarbe zu Tausenden abgeschlachtet werden – „da kann man nichts machen“. Das sind dann „Stammeskriege“, in denen „die Völker aufeinanderschlagen“. Nein, das sind Stellvertreter-Kriege, in denen Gruppen von Menschen gegeneinander aufgehetzt werden, um Macht, Einfluss und den Zugang zu Bodenschätzen für andere zu sichern.

„‘s ist Krieg! ‘s ist leider Krieg! Und ich begehre, nicht Schuld daran zu sein!“ klagte Matthias Claudius. Wenn wir heute wenigstens etwas weniger Schuld an den Kriegen in der Welt sein wollen, dann müssen wir auch für globale Gerechtigkeit aufstehen. Und wir müssen akzeptieren, dass nicht immer alles für uns zur Verfügung stehen muss. Wir müssen akzeptieren, dass das Leben und die Würde jedes einzelnen Menschen auf der Welt mehr zählt als ein Schnäppchen an einem „Black Friday“. Denn es kann sein, dass das, was für uns billig ist, den anderen das Leben kostet.