„DER FEIND STEHT RECHTS!“

Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde der damalige deutsche Außenminister Walther Rathenau von Mitgliedern der rechtsterroristischen „Organisation Consul“ ermordet.

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Wer war Rathenau?

Walther Rathenau stammte aus einer Unternehmerfamilie (sein Vater war Gründer der AEG), er übernahm später den Aufsichtsratsvorsitz der AEG. Nach dem ersten Weltkrieg engagierte er sich politisch als Liberaler in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), ab Mai 1921 war er Minister im Kabinett des Zentrumspolitikers Wirth, ab Februar 1922 Außenminister. Er war eingebunden in Verhandlungen zur Umsetzung des Versailler Vertrags und schloss im April 1922 den Vertrag von Rapallo mit dem sozialistischen Russland.

Was geschah am 24. Juni 1922?

Rathenau ließ sich an diesem Tag wie üblich von seinem Haus zum Ministerium fahren, in einem offenen Wagen. Auf der Königsallee in Berlin-Grunewald wurde sein Wagen von einem ebenfalls offenen Mercedes-Tourenwagen überholt, aus dem der 23-jährige Student Erwin Kern zehn Schüsse aus einer Maschinenpistole auf ihn abfeuerte und der 26-jährige Maschinenbau-Ingenieur Hermann Fischer eine Handgranate in Rathenaus Wagen warf. Rathenau war sofort tot.

Die Mörder konnten nach der Tat entkommen, Kern und Fischer versteckten sich in der Burg Saaleck bei Naumburg (der Besitzer war Mitglied der Organisation Consul), dort kam es am 17. Juli zu einer Schießerei mit der Polizei, bei der Kern getötet wurde, Fischer nahm sich daraufhin das Leben.

Wer waren die Mörder und was waren ihre Motive?

Erwin Fischer, Hermann Kern und auch der Fahrer des Mercedes, Ernst Werner Techow, waren Mitglieder der rechtsterroristischen „Organisation Consul“. Sie war von Hermann Ehrhardt gegründet worden, dessen „Brigade Ehrhardt“ schon 1920 beim Kapp-Putsch einen Umsturzversuch gegen die Demokratie unterstützt hatte und die damals schon als Erkennungszeichen ein Hakenkreuz am Stahlhelm trug. Ziel der Organisation Consul war es, mit Anschlägen die Republik zu destabilisieren, einen Bürgerkrieg zu provozieren und dann mit einer Militärdiktatur die Macht zu erlangen1. Auf das Konto der Organisation Consul ging 1921 der Mord an Finanzminister Erzberger und am 4. Juni 1922 der Mordversuch an Philipp Scheidemann2.

Als Realpolitiker, der die schwierigen Bedingungen des Versailler Vertrags in Deutschland umsetzen musste, war Rathenau bei denen verhasst, die die Ergebnisse des vom Kaiser­reich begonnenen und verlorenen ersten Weltkriegs nicht wahrhaben wollten.

Als Jude und als Demokrat wurde er von denen gehasst, für die die junge Demokratie in Deutschland die „Judenrepublik“ war. Ernst von Salomon, einer der Mitverschwörer bei der Ermordung, sagte 1962 in einem Film des WDR über sein Tatmotiv „Weil er [Rathenau]ein Repräsentant all dessen war, was wir hassten, was wir nicht wollten: Es war die Demokratie„.3

Befeuert wurden die antidemokratischen und antisemitischen Stimmungen auch vom Ex-Kaiser Wilhelm II selbst, der aus dem Exil in den Niederlanden immer wieder gegen die Republik hetzte. Mehr darüber ist in einer sehr lesenswerten Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages4 zu finden.

Die Verbindungen der Mörder reichten bis in den Polizeiapparat: Heiko Kreft beschreibt in seinem Beitrag für den NDR5, wie sich die Täter am 23. Juni die Maschinenpistole in Schwerin bei Erich Bade vom „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“ abholen – völlig unbehelligt von der Polizei. Und das, obwohl in der örtlichen Presse öffentlich vor den Aktivitäten Bades gewarnt worden war. Der Hintergrund: Der Rechtsextremist Bade ist persönlich mit dem Polizeichef Karl Wiggers befreundet, der offensichtlich gezielt „weg­sieht“.6

Im Prozess wurde Techow, der Fahrer des Tatwagens, zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, Mitverschwörer Salomon zu 5 Jahren. Die Hintermänner von der Organisation Consul blieben unbehelligt.

1 Ganz ähnliche Pläne werden auch bei heutigen rechten Terrorzellen aufgedeckt, wie z.B. bei der „Gruppe S.

2Philipp Scheidemann war 1919 erster Reichsministerpräsident der Weimarer Republik, zur Zeit des Mordanschlags war er Bürgermeister von Kassel.

3Zitiert nach Heiko Kreft: Der Mord an Walther Rathenau – Ein Angriff auf die Demokratie https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Vor-100-Jahren-Der-politische-Mord-an-Walther-Rathenau,rathenaumord100.html – zuletzt aufgerufen am 20.6.2022

4https://www.bundestag.de/resource/blob/413384/3c88becac46c9ce290f4567d00a96e8a/wd-1-172-07-pdf-data.pdf

5Heiko Kreft: Der Mord an Walther Rathenau – Ein Angriff auf die Demokratie https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Vor-100-Jahren-Der-politische-Mord-an-Walther-Rathenau,rathenaumord100.html – zuletzt aufgerufen am 20.6.2022

6Erschreckend sind Parallelen zu aktuellen Vorfällen von „Wegsehen“ der Polizeiführung z.B. bei rechtsextremen Chatgruppen.

Wie waren die Reaktionen auf den Mord?

Im Reichstag kam es nach Bekanntwerden des Mordes zu erregten Szenen. Die Vertreter der demokratischen Parteien sahen in den Nationalisten von der „Deutschnationalen Volkspartei“ (DNVP) die geistigen Brandstifter für das Attentat, Rufe „Raus mit den Deutschnationalen!“ wurden laut. Bei der Sondersitzung am 25.6.1922 sprach Reichs­kanzler Wirth dann in Richtung der DNVP-Fraktion die bekannten Worte: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“

(Sprecher der DNVP im Reichstag war ein gewisser Karl Helfferich. Dieser Name ist nur zufällig fast der selbe wie der des AfD-Mannes Helferich aus Dortmund, das „freundliche Gesicht des NS“ – wie er sich selbst bezeichnet hat – der selbst der AfD-Bundestagsfraktion zu extrem war und jetzt ohne Fraktionsstatus im Bundestag sitzt.)

Während SPD, USPD und KPD die lückenlose Aufklärung des Mordes und ein entschie­denes Vorgehen gegen seine Hintermänner forderten, sahen sich die rechten Parteien, insbesondere die DNVP, als Opfer von „Verleumdung“, weil ihnen eine Mitverantwortung an dem Verbrechen vorgeworfen wurde. Sie forderten von der Regierung, dass sie sie „gegen die verlogenen Verleumdungen in Schutz nimmt“. (Quelle: Gummersbacher Zeitung von 27.6.1922)

In der Öffentlichkeit kam es landesweit zu Demonstrationen und Protestkundgebungen, für den 27. Juni und dann noch einmal für den 4. Juli wurde zu Streik und Geschäfts­schließungen aufgerufen. Hierüber berichtete auch die Presse im Oberbergischen Kreis:

Die „Gummersbacher Zeitung“ schreibt am 27. Juni unter der Überschrift „Befristeter Generalstreik“: „Das Bezirkssekretariat der freien Gewerkschaften für Rhein­land, Westfalen und Lippe fordert … für Dienstag die Arbeiter und Angestellten zu einer Kundgebung gegen die Feinde der Republik auf und ersucht, von 12 Uhr mittags nicht nur Fabriken, Werk­stätten und Straßenbahnen stillzulegen, sondern auch in allen Geschäften, Be­rufen und Betrieben, den Gemeinde- und sonstigen Verwaltungen, die Arbeit ruhen zu lassen. – Im Oberbergischen soll die Arbeit von 3 – 5 Uhr nachmittags ruhen.“

Der „Oberbergische Anzeiger“ aus Engelskirchen berichtet am 28. 6. über die Kundgebung in Köln:

Eine mächtige Kundgebung als Einspruch gegen die Ermordung des Ministers des Äußeren, Rathenau, veranstalteten am Dienstag nachmittag die drei sozialistischen Parteien auf dem Neumarkt. Hierzu hatten aufgerufen der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Afabund [Allgemeiner freier Angestelltenbund], die Sozialdemokratische Partei, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei und die Kommunistische Partei. Beteiligt waren die Deutsche Friedensgesellschaft, der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, der Reichs­bund jüdischer Frontsoldaten, der Bund der Freien Schule, das Arbeiter-Sportkartell, der Bund der entschiedenen Schulreformerund der Bund religiöser Sozialisten.

In langen Zügen bewegten sich Arbeiter, Angestellte und Beamten aus dem links- und rechtsrheinischen Köln zum Neumarkt, der um 4 Uhr bereits ziemlich gefüllt war, während in den Nebenstraßen noch lange Züge den Aufmarsch zur Kundgebung vollzogen. Es wurden rote Fahnen und Schilder mit den verschiedensten Aufschriften, zum Teil mit Bilderschmuck getragen. Da hieß es u.a. : “Gegen die politischen Meuchelmörder!“ „Gegen den Wucher!“usw. Nach einem Trauergedenken wurden von etwa 12 Stellen Reden an die Massen gehalten. In der Mitte des Platzes sprach der Reichstags­abgeordnete Sollmann, der sich mit scharfen Worten an die Monarchistenverbände wandte…

Über Kundgebungen in Gummers­bach schreibt die „Gummers­bacher Zeitung“ am 28. Juni:

Kundgebungen anlässlich der Beisetzung des Ministers Rathe­nau fanden gestern auch in Gum­mersbach statt. Nach­mittags hat­ten sich auf dem Schützenplatze Anhänger der sozialdemokra­tischen Parteien eingefunden, denen verschie­dene Ansprachen gehalten wurden. Als die Teil­nehmer an der Kundgebung sich zerstreuten, wurden an verschiedenen Häusern schwarz-weiß-rote Fahnenstangen gewaltsam entfernt: eine etwas merkwürdige Ehrung des Toten.“ (Anmerkung: Schwarz-weiß-rot war die Fahne des Kaiserreichs, es waren im Jahr 1922 die Farben der reaktionären, rechtsradikalen Monarchisten, die auf Grund ihrer Hetze gegen die Republik als geistige Brandstifter für den Mord gesehen wurden. Die „Gummersbacher Zeitung“ stand der DNVP nahe.) Weiter heißt es in dem Bericht: „Abends versammelten sich die Anhänger der demokratischen und Zentrumspartei bei Ising, um gleichfalls eine Kundgebung zu veranstalten. Zwischenfälle wurden nicht gemeldet.“

(Walther Rathenau war Unternehmer, doch es waren Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten, die am engagiertesten gegen seine Ermordung demonstrierten und für die Republik auf die Straße gingen.)

Für den 4. Juli wurde erneut zu Protesten aufgerufen. Die „Gummersbacher Zeitung“ schreibt unter „Neuer Generalstreik am Dienstag“: „Der Allgemeine Deutsche Gewerk­schaftsbund, AfA und die sozialdemokratischen Parteien erlassen einen Aufruf an an das republikanische Volk, in dem alle ernstgesinnten Republikaner im ganzen Reiche auf­gefordert werden, am Dienstag, 4. Juli, wiederum die Arbeit am Nachmittage ruhen zu lassen und in geschlossenen Massen auf Straßen und Plätzen für die bekannten Forde­rungen zu demonstrieren…“ Im Oberbergischen muss es daraufhin mehrere Kund­gebungen gegeben haben, der „Oberbergische Anzeiger“ schreibt am 5. Juli: „Die Trauer um den gewaltsamen Tod Rathenaus gab den Linksparteien gestern zu demokratischen Kundgebungen Anlass, die am Nachmittag in einer mehrstündigen Arbeitsruhe und öffent­lichen Umzügen bestand. Im Oberbergischen wurde den Geschäftsleuten und Wirten anheimgegeben, die Lokale durch Zeichen der Sympathie auf mehrere Stunden zu schließen. Die öffentlichen Umzüge, bei deren Auseinandergehen Reden gehalten wurden, die sich auf den Schutz der Republik bezogen, verliefen ordnungs­gemäß.

Die „Gummersbacher Zeitung“ berichtet über eine Kundgebung in Gummersbach (ohne die Forderungen der Demonstrierenden zu benennen).

Beide Zeitungen berichten über eine Kundgebung in Köln, bei der die Wut über die Monarchisten zum Ausdruck kam: „… Ein Teil des nach der rechten Rheinseite zurück­kehrenden Zuges waren bereits über die Brücke marschiert, als von einem der Teilnehmer eine rote Fahne am Denkmal Wilhelms II angebracht wurde. Das gab der berittenen Polizei, die sich unten an der Brückenrampe aufgestellt hatte, Anlass, das Herunter­nehmen der Fahne zu fordern. … Außerdem hatte man an dem Reiterstandbild den Degen abgerissen und in den Rhein geworfen sowie die Sporen abgeschlagen und sodann ein Plakat mit der Aufschrift „Nieder mit dem Monarchismus“ angebracht. Der Vorfall hatte zur Folge, dass die Polizeimannschaften, die sich in der Nähe befanden, hart ins Gedränge gerieten. Hierbei gab es Wortwechsel, und im Verfolg dessen hat man einen Schutzmann entwaffnet. Von den einzelnen Gruppen des Zuges, die sich über die Brücke bewegten, wurden beim Vorbeimarsch an den aufgesteckten Fahnen Hochrufe auf die Republik und Hurrarufe ausgebracht. …“ („Oberbergischer Anzeiger“ vom 5.7.1922)