Eine bewegende Lesung

Als Abschlussveranstaltung der Oberbergischen Pride-Week 2025 fand am 5. Juli in der Gummersbacher Buchhandlung Thalia/Mayersche in Zusammenarbeit mit „Unser Oberberg ist bunt“ eine Autorenlesung von Petra Werner und Alexander Malzahn statt. Die Lesung war mit alten Fotos und Musik untermalt. Stark autobiografisch angelegt, vermittelten Werner und Malzahn ein intensives Erleben ihrer Jugend – und Erwachsenenerfahrung, u.a. mit Missbrauch, Homophobie und ihrem persönlichen Umgang damit.

Das, was die beiden in Ihrer Kindheit und Jugend an Unterdrückung, Demütigung, Gewalt und (sexuellem) Missbrauch erlebt haben, machte die Zuhörerschaft sehr betroffen. Beide waren über Jahrzehnte im Lehramt u.a. als Vertrauenslehrer tätig und haben ihren Schüler*innen ein offenes Ohr, einen vertrauensvollen Raum angeboten und Verständnis entgegengebracht: All das, was ihnen selbst in ihrer Jugend weiter geholfen hätte, aber nicht vorhanden war. Beide waren miteinander verheiratet, beide haben einen gemeinsamen Sohn und beide haben bis heute mit den gesundheitlichen Folgen ihrer Erfahrungen zu kämpfen. Beide haben ihre schweren Lebenserfahrungen in Büchern verarbeitet und beide wünschen sich einen Dialog über die Themen, die ihrer beider Leben prägten.

Mit dem lebhaften, wertschätzenden Gespräch, das sich im Anschluss an die Lesung zwischen den Zuhörer*innen und dem sympathischen „Ex-Ehepaar“ entwickelte, ist das gelungen.

Alexander Malzahn las zu Beginn aus seinem Roman „Der Inseljunge“, in dem der erwachsene Alexander auf der Nordseeinsel Schouwen-Duiveland seinem jüngeren ICH „Axel“ begegnet. Malzahn hatte als Jugendlicher Urlaub auf dieser Insel gemacht und kehrte als Erwachsener dorthin zurück. Über die Begegnung mit der seit Jugendzeiten vertrauten Landschaft kommt es zu einer Konfrontation mit seinem jugendlichen ICH, fortan Axel genannt und zur Rückschau auf seine Kindheit in den 60er und die schwierige Jugend in der 70er Jahren. Er schilderte eindrücklich das Ringen um seine (sexuelle) Identität als Heranwachsender und führte den Zuhörern bedrückend die damals herrschende Homophobie vor Augen:

Zitat aus seinem Buch:

Axel war damals noch nicht eingeschult gewesen. Als sie an einer Bushaltestelle warteten, deutete Axel Vater auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Siehst du den Mann da drüben“, hatte er gefragt. „Der denkt bestimmt, dass ich einen kleinen Jungen entführe.“ „Welchen kleinen Jungen?“ „Na, dich! Der weiß ja nicht, dass du mein Sohn bist. Und Schwule entführen und missbrauchen kleine Jungen.“

Situation mit Franz, einem Freund der Familie, Zitat:

Rede schon. Hattest du was mit einem Jungen bei deiner Zelterei?“ Aber Axel konnte nicht reden. Er hatte Angst vor Franz, vor seiner Aggressivität und Unberechenbarkeit. Axels Zögern war für Franz gleichbedeutend mit einem Eingeständnis. … Franz … schlug ihm das nasse T-Shirt um die Ohren …„Verarsch` uns nie wieder“, brüllte er, „mach das nie wieder, nie wieder was mit Jungs.“ Er schlug Axel brutal mit der Faust vor die Brust. „Ein Schwuler ist das Letzte, was ich in meiner Gegenwart dulde.“

Und ausgerechnet dieser Franz wird den 16-jährigen Jungen Axel schließlich vergewaltigen.

Axel unterdrückt jegliche Gefühle, die er für männliche Bekannte hegt. Die Spannung zwischen der familiären, gesellschaftlichen Erwartung und dem eigenen Empfinden, das er wiederum leugnet, sind kaum erträglich, werden durch massiven Alkoholkonsum weggespült. Er kann seine eigentliche sexuelle Identität nicht entwickeln.

Heute fragt Alexander sich, warum er sich damals nicht gewehrt hat. Durch den Dialog zwischen dem erwachsenen Alexander und dem Jugendlichen Axel wird die Not, in der sich der Heranwachsende befand, in bedrückender Art und Weise deutlich:

Alexander sagt, Zitat aus dem Buch: „Axel, du wächst in eine Zeit hinein, in der es fast als normal angesehen wird, wenn jemand schwul ist.“ Axel sprang auf. Empörung im Gesicht, Fäuste geballt. „Wenn ich entdecken würde, dass ich schwul bin, ich würde mich umbringen.“, schrie er und stampfte mit einem Fuß auf. „Auf der Stelle.“

Den Fortgang der Geschichte schildert Malzahns Exfrau Petra Werner lebendig und einfühlsam in ihren Büchern „Die Frau des Inseljungen“ (3 Bände) Werner liest aus dem ersten Band. Auch sie hat Gewalt und Missbrauch schon als Kind erlebt und wurde ebenfalls, im Alter von nur 12 Jahren, vergewaltigt. Beide finden sich schon in der Schulzeit, und sie verstehen sich bis heute bestens. Die tiefe, freundschaftliche Verbundenheit ist ihnen deutlich anzuspüren. Sie erzählt von den Belastungen der Ehe, durch Alexanders Eltern, die das junge Paar massiv unter Druck setzten, von der ablehnenden Haltung ihrer eigenen Eltern. Sie berichtet vom „Coming-out“ Alexanders, zunächst nur innerhalb ihrer Beziehung, von der dann folgenden Scheidung und dem Fortgang ihrer persönlichen Geschichte. Petra Werner hat wieder geheiratet und in dieser Ehe zwei Töchter bekommen. Sie war es, die Malzahn dazu ermutigte, aus den 20-seitigen Notizen über die Begegnung mit dem jüngeren Selbst ein Buch zu machen.

Das Ziel der Bücher, zu ermutigen und „Menschen in einer vergleichbaren Situation der Selbstfindung Hilfe, Hoffnung und Leitbild sein“ (so Malzahn in einem Interview mit der Kölnischen Rundschau), wurde in der Lesung erreicht.

Der respektvolle, behutsame Austausch des Ex-Ehepaares untereinander und das anschließende Gespräch zeigten wie wertvoll eine wertschätzende Kommunikation ist.

Alexander Malzahn bietet seine Lesung weiterführenden Schulen kostenlos an.

Die Lesung machte noch mal deutlich, wie wichtig ein liebevolles, wertschätzendes und respektvolles gesellschaftliches Klima ist, in dem sich alle Menschen ohne Diskriminierung und Gewalterfahrung entfalten können. Ein Angriff auf die queere Community ist ein Angriff auf uns alle, ist ein Angriff auf die Vielfalt der Menschen und unserer Gesellschaft. Dem stellen wir uns mit der Pride-Week Oberberg entgegen, denn Demokratie lebt von Vielfalt, das macht sie stark.