Aus Wildberberghütte, Waldbröl, Oberwiehl und vom „Aspen“ hatten sich am Vormittag Wandergruppen von „Oberberg ist bunt“ auf den Weg gemacht.




Man traf sich im Denklinger Burghof, von dort ging es nach einer Rast zum evangelischen Friedhof, um dort am Gräberfeld für „Displaced Persons“ der Opfer des Holocaust an den Sinti und Roma zu gedenken.

Eine der dort Bestatteten ist nämlich Magdalena Horvath, sie ist eine der rund 500.000 Sinti und Roma, die von den Nazis systematisch verfolgt und ermordet wurden.

Im Namen der Gemeinde Reichshof betonte der stellvertretende Bürgermeister Gerald Zillig die Bedeutung des Gedenkens und erklärte, dass das Gräberfeld nicht nur Ort der Stille sei, sonder auch „ein Ort, an dem Geschichte nicht in Büchern steht, sondern in einem Grabstein ihren Namen trägt“. Es ist wichtig, das Gedenken zugleich als Auftrag zu sehen, demokratische Werte zu schützen und jeder Form von Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten. Mit den Worten von Elie Wiesel „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“ rief er zum Engagement gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit auf.

Für „Oberberg ist bunt“ erklärte Gerhard Jenders:
Hier in diesem Feld sind 91 Menschen bestattet, Männer und Frauen, viele Namen klingen osteuropäisch, einige baltisch. Die Geburtsjahre sind weit verteilt, sie liegen zwischen 1873 und 1936, doch die Sterbejahre liegen dicht zusammen: alle sind zwischen 1945 und 1951 gestorben. Als Todesursache steht in den Sterbeurkunden bei allen eine Form der Tuberkulose, doch man hätte auch „Faschismus“ schreiben können, denn alle diese Menschen waren Opfer der Nazi-Faschisten, sie hatten sich die Tuberkulose in den Zwangslagern der Nazis zugezogen – als Kriegsgefangene, als Zwangsarbeitskräfte, als KZ-Insassen. Sie waren – wie weit über 1000 weitere NS-Opfer – Patientinnen und Patienten der Burgbergklinik, die in den ersten Nachkriegsjahren eine Lungenheilanstalt für „Displaced Persons“ war, für Menschen, die von den Nazis im zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschleppt worden waren und die nach der Befreiung darauf warteten, in ihre Heimat zurückzukehren oder in ein anderes Land auszureisen. Das Personal dort oben hat gute Arbeit geleistet, weit über 90% der Kranken konnten geheilt entlassen werden. Hier liegen diejenigen, für die die Hilfe zu spät kam, die es trotz der Pflege nicht geschafft haben.
Heute, am 2. August, stehen wir am Grab von Magdalena Horvath. Sie gehört zur Volksgruppe der Sinti und Roma, denen der 2. August als Gedenktag gewidmet ist – als Gedenktag an die Ermordung von rund einer halben Million Menschen, die von den Nazis rassistisch diffamiert, ausgegrenzt, verschleppt, in Konzentrationslager gesperrt und ermordet wurden. Für die meisten der Opfer gibt es kein Grab, ihre Spur endet in den Verbrennungsöfen von Auschwitz oder eines anderen Vernichtungslagers.
Magdalena Horvath war im Juni 1920 im Grenzgebiet zwischen Österreich und Ungarn geboren, ihr Dorf gehörte bei ihrer Geburt zu Ungarn, ein Jahr später zu Österreich. So wechselte sie die Staatsangehörigkeit, ohne selbst gereist zu sein – soviel zu Thema „fahrendes Volk“. Ihre Familie und sie lebten von der Landwirtschaft.
Als 1938 Österreich an Nazi-Deutschland „angeschlossen“ wurde – Magdalena war gerade 18 geworden – begann die systematische Ausgrenzung der Roma: Die Kinder wurden nicht mehr zum Schulbesuch zugelassen. Der Landeshauptmann Portschy schrieb: „Man kann es unseren deutschen Volksgenossen nicht zumuten, dass sie ihre Kinder mit Zigeunern auf die gleiche Schulbank setzen lassen“. Schon ein Jahr später, im Juni 1939, kam die Deportation: 440 Roma aus dem Burgenland wurden nach Deutschland deportiert, darunter über 50 Frauen mit dem Namen Horvath. Eine davon war Magdalena Horvath, jetzt 19 Jahre alt.
Am 29. Juni 1939 wird sie im KZ Ravensbrück in einer Liste der SS erfasst. Sie wird – wie alle anderen – als „arbeitsscheu“ und „Zigeunerin“ diffamiert.
Die Frauen mussten unter harten Bedingungen in einem der angegliederten Rüstungsbetrieb arbeiten. Immer wieder gab es Transporte nach Auschwitz – für die, die zu schwach waren und nicht mehr arbeiten konnten.
Magdalena Horvath hat bis zur Befreiung fast sechs Jahre KZ und Zwangsarbeit überlebt. Am 6. Juni 1945 wird sie von der Britischen Armee als Displaced Person registriert, wahrscheinlich in Bergen-Belsen. Da war sie gerade 25 geworden.
Doch sie bleibt nicht im vorgesehenen Lager. Möglicherweise sucht sie überlebende Angehörige.
Irgendwann muss sie dann nach Denklingen gekommen sein. In einer Akte aus dem Dezember 1950 steht, dass sie schon 5 Jahre im Krankenhaus ist, dass ihr körperlicher Zustand schwach ist und ihre medizinische Prognose schlecht. Doch sie ist nicht gebrochen, die Ärzte bescheinigen ihr eine starke Persönlichkeit.
Sie äußert damals noch den Wunsch, sich in den USA niederzulassen. Aber sie schafft es nicht mehr: Am 1. April 1951 stirbt sie im Alter von 30 Jahren.
In der Sterbeurkunde ist als Todesursache Tuberkulose angegeben. Die eigentliche Todesursache aber ist das tödliche Gift des Faschismus, des Rassismus und des Antiziganismus. Wir dürfen nicht nachlassen, dagegen anzugehen!
Antiziganismus war und ist auch nach der Befreiung vom Faschismus in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Extrem rechte Parteien und Gruppierungen versuchen immer wieder, entsprechende Haltungen aufzugreifen und anzustacheln.
Das hat hier im Oberbergischen zum Beispiel im Sommer 2013 die selbsternannte „Bürgerbewegung“ proNRW in Form von „Pro Radevormwald“ gemacht, als sie eine Flugblattaktion gegen einen Gruppe Menschen aus Rumänien, die damals in Dahlerau lebten, initiierte.
Das hat in diesem Sommer in Gelsenkirchen eine AfD-Truppe unter Führung einer Landtagsabgeordneten gemacht, die auf offener Straße Menschen, die als Roma gelesen wurden, bedrängte und einschüchterte. Die selbsternannten „Herrenmenschen“ von der AfD zwangen ihre Opfer dazu, die Straße zu kehren, filmten sie dabei und verbreiteten die Videos stolz im Netz. Die Anführerin der Aktion – Enxi Seli Zacharias – wurde von ihrer Partei belohnt und kurz darauf– auf Vorschlag des angeblich gemäßigten Landesvorsitzenden Vincentz – auf Platz zwei der Liste für die Landtagswahl im nächsten Jahr gewählt. Nicht obwohl, sondern weil sie mit ihrem Reden und Handeln gegen den im Grundgesetz garantierten Schutz der Würde aller Menschen verstößt.
Und solche Leute, die AfD-Anhänger hier aus der Gegend, sitzen in unseren Stadt- und Gemeinderäte, sie treffen sich regelmäßig nur ein paar Schritte von hier, im Denklinger Hof, um sich gegenseitig in ihrer menschenverachtenden Haltung zu bestärken.
Wir müssen unsere gemeinsamen Werte verteidigen. Wir müssen gemeinsam aufstehen gegen Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus – immer dann, wenn Menschen eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben wird, wegen der sie dann angefeindet werden.
Wir müssen gemeinsam aufstehen für Vielfalt, für Menschenrechte, für Respekt, Toleranz und Liebe. Hier und heute, morgen und überall!
Ich danke euch, dass ihr dabei seid.
Ich bitte euch jetzt um eine Minute des stillen Gedenkens an Magdalena Horvath und an alle anderen Opfer des Antiziganismus.


Über das Gedenken in Denklingen berichtete auch „Oberberg Aktuell“ und der „Oberbergische Anzeiger“ / die „OVZ“
Die Tagesschau vom 2. August 2026 würdigte den Gedenktag in einem Beitrag








