Gedenkstätte auf dem Friedhof Ründeroth

Die Stele auf dem Ründerother Friedhof erinnert an sowjetische Kriegsgefangene, die in Wiehlmünden interniert waren und zu größten Teil an Fleckfieber gestorben sind. Dr Frank Gelhausen schreibt dazu in „ »Fremdarbeiter« in Ründeroth – Die Situation Kriegsgefangener und ziviler ausländischer Arbeitskräfte in der Zeit des 2. Weltkriegs“, erschienen in „Beiträge zur Oberbergischen Geschichte“ Band 11, 2014:

„Vermutlich traf Mitte bis Ende November 1941 ein Transport mit etwa 80 sowjetischen Kriegsgefangenen im Gemeindegebiet Ründeroth ein. Diese verblieben einem Zeitungsbericht zufolge zunächst am Bahnhof in Osberghausen (damals Gemeinde Drabenderhöhe / Bielstein), wo sie in Viehwagons der Reichsbahn untergebracht waren. Sie müssen in einem schrecklichen körperlichen Zustand gewesen sein, waren unterernährt, zerlumpt, teilweise verwundet und litten zudem unter einer äußerst mangelhaften Hygiene (Oberbergische Volkszeitung vom 17.7.1982). Es ist darüber hinaus … sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der Gefangenen schon mit Fleckfieber infiziert war, als sie am Bahnhof in Osberghausen ankamen. …

Schon kurz nach ihrer Ankunft in Osberghausen muss dann die Einquartierung der sowjetischen Armeeangehörigen in den Saal der ehemaligen Gaststätte Dissmann an der Einmündung der L 336 in die B 55 (heute »Kümmelecke«, früher »Wiehlbrück« genannt.) in Wiehlmünden erfolgt sein. …

Im Lager Wiehlmünden kam es nach der Einquartierung der sowjetischen Kriegsgefangenen vom 27. Nov. 1941 bis zum 27. Dez. 1941 zu mindestens 18 Todesfällen, die auf die Fleckfieberseuche zurückzuführen sind. Zu weiteren drei Todesfällen im Lager Wiehlmünden kam es am 20. April, 17. Aug. sowie am 29. Nov. des Jahres 1942. Ob diese weiteren drei Menschen in Folge der Fleckfieberseuche oder aus anderen Gründen ums Leben kamen, ist heute nicht mehr zu klären. Insgesamt kamen also in Wiehlmünden 21 sowjetische Kriegsgefangene ums Leben. …

Die wohl mit dem Auftreten der ersten Todesfälle vom Wachpersonal benachrichtigten zuständigen Ärzte lehnten eine Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen ab, möglicherweise aus Angst sich selbst zu infizieren. Einzig der Arzt Dr. Karl Hoffmann aus Bielstein zeigte sich bereit, den Kriegsgefangenen zu helfen. Nach den Informationen einer Schulfunksendung aus den 1950er Jahren stellte Dr. Karl Hoffmann bei seinem ersten Besuch im Lager Wiehlmünden, etwa Anfang Dezember 1941, bei allen Internierten Schüttelfrost sowie hohes Fieber fest. Die Kranken zeigten zudem Symptome wie rötliche Punkte auf der Haut. Darüber hinaus bemerkte Hoffmann bei einigen Insassen rötliche Striemen, die offenbar von Misshandlungen stammten. Hoffmann beklagte die unmenschlichen hygienischen Bedingungen und ließ den Saal lüften. Die Verbände der Verwundeten wurden gewechselt. …

Am 10. Dez. 1941 zeigten sich bei Dr. Hoffmann selbst Symptome wie Schüttelfrost und hohes Fieber, worauf er am 16. Dez. 1941 in ein Lazarett nach Köln-Deutz eingeliefert wurde und wenige Tage später, am 22. Dez. 1941, im Alter von 56 Jahren in Köln verstarb.“

Dr. Gelhausen hat die Namen der Verstorbenen, die lange Zeit als „Unbekannt“ galten, recherchiert, so dass jetzt eine Stele an die Menschen erinnert.

Wassilij Andrejew, geb. am 1.3.1913 im Gebiet Kuibyschew, gest. am 16.12.1941

Semjon Bodin, geb. am 15.4.1915 im Gebiet Pensa , gest. am 6.12.1941

Pawel Djomkin, geb. am 3.9.1918 in Belyj, Gebiet Smolensk, gest. am 5.12.1941

Felix Gaidukewitsch geb. am 24.7.1918 im Gebiet Molodetschninsk, gest. am 2.12.1941

Alexandr Gerassimow, geb. am 1.1.1910 im Gebiet Tula, gest. am 21.12.1941

Stepan Jerschow, geb. am 25.9.1913 im Gebiet Kuibyschew, gest. am 27.12.1941

Axjon Kudrjawzew geb. am 1.1.1910 im Gebiet Gomel, gest. am 23.12.1941

Ilja Parchomow, geb. am 20.6.1909 im Gebiet Woronesh, gest. am 11.12.1941

Pjotr Pokotilo, geb. am 1.1.1920 im Gebiet Poltawa, gest. am 23.12.1941

Boris Rakow, geb. am 20.5.1920 in Tschuwaschien, gest. am 23.12.1941

Nikolaj Saborowskij, geb. am 1.1.1912 in Ternowka, Gebiet Woronesh, gest. am 14.12.1941

Sergej Sturnilow Sergej, geb. am 1.1.1921, gest. am 22.12.1941

Alexej Trunow, geb. am 14.3.1906 im Gebiet Orjol, gest. am 4.12.1941

Konstantin Tscherepenkow, geb. am 1.1.1905 in Pronino, Gebiet Orjol, gest. am 27.12.1941

Andrej Zabrodozkij, geb. am 1.1.1911 im Gebiet Luzk 01.01.1911, gest. am 23.12.1941

Timofej Guljuk, geb. am 1.1.1916 im Gebiet Kiew, gest. am 14.08.1944

Michail Iljubuschkin, geb. am 18.1.1921 in Selischtschi, Gebiet Smolensk, gest. am 27.11.1941

Michail Makejew, geb. am 12.12.1921 in Woschino, Gebiet Jaroslaw, gest. am 20.04.1942

Wassilij Sagreba, geb. am 3.3.1903 in Kelegej, Gebiet Odessa, gest. am 29.11.1942

Wassilij Schubkin. geb. am 20.1.1917 in Kushorskaja, Region Krasnodar, gest. am 17.08.1942

Timoteus Karpik, geb. am 1.1.1923, gest. am 1.1.1944

In einem (leider undatierten) Schreiben der Gemeinde Ründeroth (Seite1 Seite2) zu „noch offenen Fällen“ heißt es zum Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen: „ Die unbekannten russischen Soldaten waren als Tiefbauarbeiter bei der Firma Köster & Co., Bauunternehmung, Olpe i.W., Bruchstrasse 21, beschäftigt und führten Tiefbauarbeiten bei der Reichsbahn im Bezirk der Bahnmeisterei Engelskirchen aus. Das Gefangenenlager befand sich im Saal der Gastwirtschaft Karl Dissmann in Wiehlmünden bei Ründeroth. Die Gefangenen waren an Flecktyphus erkrankt und sind innerhalb kürzester Zeit gestorben. Namen der Toten oder Gefangenennummern sind nicht bekannt. … Auch der Beschäftigungsfirma Köster liegen die Namen nicht vor, da nach deren Angabe (siehe Anlage) die Abrechnung der Lohngelder über die Stalag in Bonn vorgenommen wurde.“

Es ist davon auszugehen, dass die 1941/42 Verstorbenen der Fleckfieber-Epidemie zum Opfer fielen. Bei zwei Männern, die 1943/44 verstorben sind, sind die Umstände des Todes bekannt:

Timofej Guljuk ist wahrscheinlich identisch mit Timofei Julik (die Schreibweise variiert wegen der Übertragung von der kyrillischen zur lateinischen Schrift). Timofei Julik war laut Sterbeurkunde „sowjet-russischer Kriegsgefangener“, er war nach einer Liste des Oberbergischen Kreises seit dem 9. Juni 1943 in der „Nord-Rhein-Provinz“, ab dem 9. Juli 1944 hat er bei der Firma Dörrenberg gearbeitet. Nach Angaben der dortigen Betriebskrankenkasse ist er am 15. August 1944 tödlich verunglückt. Die BKK gibt sein Geburtsjahr mit 1919 an, er ist also 25 Jahre alt geworden.

Timoteus Karpik – auch hier gibt es unterschiedliche Schreibweisen – ist laut Sterbeurkunde am 20. Juli 1923 in „Sastaroie“ (er wird je nach Quelle als „Russe“, „Ukrainer“ oder als „Pole“ eingeordnet) geboren. Er war Landarbeiter und hat nach Angaben des Krankenhauses Ründeroth bei Ernst Eckert in Wallefeld gearbeitet, wahrscheinlich seit dem 9. Juni 1943 (dieses Datum wird jedenfalls als der Tag angegeben, ab dem er in der „Nord-Rhein-Provinz“ war) Er ist am 30.12.1943 schwer mit dem Fahrrad gestürzt, wurde ins Krankenhaus Ründeroth eingeliefert und ist am 31.12.1943 dort gestorben (Schädelbruch nach Fahrradsturz).

Auf dem Friedhof befinden sich noch drei Einzelgräber, deren Grabsteine so stark verwittert sind, dass die Inschriften nicht entziffert werden können. Nach einem Friedhofs-Plan vom Februar 1950 müssten dort begraben sein:

Ein unbekannter russischer Staatsangehöriger

Wilhelm Rieker wird in der Sterbeurkunde als „sowjet-russischer Kriegsgefangener“ bezeichnet. Sein Geburtsdatum und sein Geburtsort sind nicht überliefert. Es ist lediglich bekannt, dass er am 12. April 1945 in Gosse (bei Wallefeld) gestorben ist. Über die Umstände seines Todes wissen wir nichts, der Zeitpunkt fällt zusammen mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, so dass er möglicherweise in ein Gefecht geraten sein könnte.

Maria Tjutjuma war nach Angaben der Sterbeurkunde ukrainische Staatsangehörige und „Ostarbeiterin“. Sie ist geboren am 14. Oktober 1923 in Sapatnaja, gestorben ist sie im Alter von 21 Jahren am 4. März 1945. Eine Todesursache ist nicht angegeben. [Der Geburtsort „Sapatnaja“ in der Sterbeurkunde ist nicht schlüssig, in der Ukraine konnte kein Ort mit dem Namen gefunden werden, ein „Sapadnaja“ liegt im Norden Russlands an der Küste der Halbinsel Kola.] Sie hat nach Angaben der Betriebskrankenkasse vom 9. Juli 1942 bis zum 4. März 1945 bei Dörrenberg gearbeitet. Die Liste des Krankenhauses Ründeroth führt sie unter dem Namen Maria Tjutjana, geboren am 24.Oktober 1924 in Mariupol [das liegt in der Ukraine]. Sie war vom 11. September bis zum 23. November 1944 dort wegen eines Herzfehlers in Behandlung. Wenn der Herzfehler nicht auskuriert war und sie damit weiter im Lager leben und arbeiten musste, könnte das den Tod im März 1945 erklären. Auch in einer Liste der Gemeinde Ründeroth vom 15. März 1946 wird sie als Maria Tjutjana bezeichnet, die im Alter von 21 Jahren am 4. März 1945 gestorben ist. Das Geburtsjahr in der Liste des Krankenhauses scheint also ein Tippfehler zu sein.

Zwei junge Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen bei der Firma Gustav Jaeger gearbeitet haben, sind in Köln gestorben und dort beerdigt:

Leonida Greschtschuk wurde am 2. August 1926 in Lanerwika in der Ukraine geboren, sie hat nach Angaben der Betriebskrankenkasse ab dem 21. Dezember 1942 (da war sie gerade einmal 16 Jahre alt) bis zum 13. Mai 1944 bei der Firma Jaeger gearbeitet. Vom 2. März bis zum 13. Mai 1944 war sie stationär im Krankenhaus Gummersbach. Sie ist aber (nach der Liste des Krankenhauses) weder dort verstorben noch zur Firma Jaeger zurückgekehrt. Laut Sterbeurkunde ist sie dann am 10. Dezember 1944 im „Kranken-Sammellager“ in Köln-Gremberg gestorben. Dort waren viele Tuberkulose-Kranke untergebracht, es ist daher sehr wahrscheinlich, dass auch sie an der Lungenkrankheit gestorben ist.

Janina Letkowietsch geboren am 5. November 1925 in Kosaki, war ebenfalls Ukrainerin. Sie war nach Unterlagen der Betriebskrankenkasse vom 21. Dezember 1942 bis zum 5. Mai 1943 als Arbeiterin bei der Geschäftsbücherfabrik Gustav Jaeger geführt, sie hat also dort zugleich mit Leonida Greschtschuk angefangen. Gestorben ist sie im Alter von 17 Jahren am 5. Mai 1943 im Augustahospital Köln an Gehirnhautentzündung. Die Gemeinde Ründeroth hat hierzu an die Kreisverwaltung berichtet (Seite1 Seite2)

Quellen:

Die Links führen zu den online zugänglichen Dokumenten im Arolsen-Archiv. Es wurde nur auf Dokumente verlinkt, die sich auf Verstorbene beziehen, die auf dieser Seite erwähnt sind. Deshalb fehlen z.B. Links zu den Listen der Krankenkassen oder der Krankenhäuser.

Die Arbeit von Dr. Frank Gelhausen „»Fremdarbeiter« in Ründeroth – Die Situation Kriegsgefangener und ziviler ausländischer Arbeitskräfte in der Zeit des 2. Weltkriegs“ bietet einen ausführlichen Überblick über den Einsatz und die Lebensbedingungen der ZwangsarbeiterInnen. Sie ist im Band 11 der „Beiträge zur Oberbergischen Geschichte“ des Bergischen Geschichtsvereins erschienen, der über folgende Adresse zu beziehen ist:

Bergischer Geschichtsverein, Abteilung Oberberg e. V.
Geschäftsstelle, Z.Hd. Herrn Dieter Forst
Hochstraße 10
51645 Gummersbach