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Zur Landtagswahl 1950 erprobte die extrem rechte „SRP“ ihre Kräfte in Oberberg
18. Juni 1950 – Zweite Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Für die Wähler:innen in den beiden oberbergischen Wahlkreisen steht eine besondere Partei auf dem Stimmzettel: Die „Sozialistische Reichspartei“ SRP, die zwar nicht im offiziellen Parteiprogramm, aber im Personal und im Auftreten in der Tradition der erst vor fünf Jahren besiegten Nazis steht. Nach der Gründung im Jahr 1949 ist dies der erste Wahlantritt der SRP, außer in den Wahlkreisen „Oberberg Nord“ und „Oberberg Süd“ tritt sie nur noch in Wanne-Eickel an.
Über die Gründe, warum die Rechtsextremisten gerade das Oberbergische gewählt haben, kann man nur spekulieren. Sicher hat eine Rolle gespielt, dass mit Robert Ley ein führender Mann des NS-Regimes von hier kam und dass hier die NSDAP von Anfang an teilweise hohe Stimmenanteile erhielt.
Bei der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in den damaligen Gemeinden folgende Anteile:
NSDAP-Ergebnisse im (alten) Oberbergischen Kreis März 1933


Im März 1933 waren die Nazis schon an der Macht und übten u.a. über die Verhaftung von Oppositionellen starken Druck aus. Bei der noch freien Wahl im November 1932 lagen die NSDAP-Stimmen einige Prozent niedriger, die Tendenz war aber die selbe. Beachtlich ist, dass im katholisch geprägten Morsbach der Anteil der Nazi-Stimmen auch 1933 deutlich unter dem der anderen Kommunen lag.
Mehr zur Wahl vom 5. März 1933 im Oberbergischen steht hier, dort sind auch die Ergebnisse der anderen Parteien wiedergegeben.
In der folgenden Karte sind die Kommunen entsprechend dem NSDAP-Anteil mehr oder weniger intensiv braun gefärbt.

Die Wahlergebnisse von 1950 zeigen, dass die Taktik der SRP zumindest teilweise aufgegangen ist:


Kandidaten der SRP waren im Nordkreis der Zahnarzt Dr. Heinz-Walter Jobsky aus Neu-Dieringhausen (NSDAP-Mitglied von 1933 bis 1945), der 3259 Stimmen bekam, im Südkreis Prof. Dr. Johann Dahmen aus Ruppichteroth, der zeitweise auch SRP-Landesvorsitzender NRW war. Er bekam 4064 Stimmen.
Quelle für die Wahlergebnisse vom März 1933 ist die „Bergische Wacht“ vom 6.3.1933, Quelle für die Ergebnisse vom Juni 1950 ist die „Oberbergische Rundschau“ vom 20. Juni 1950
Quelle für die Angaben zu den Kandidaten ist das „Kreisblatt – Amtliches Mitteilungsblatt für den Oberbergischen Kreis“ vom 10.6.1950, zur NSDAP-Mitgliedschaft von Heinz-Walter Jobsky siehe https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/G3Q5ZSIN5EFMO7Z2KAWIJCBSGH3WEQSC
Auf der folgenden Karte ist zu erkennen, dass gerade im Südkreis dort, wo es schon 1933 besonders „braun“ war, auch 1950 die SRP stark „aufblühte“.
Im Nordkreis ist die Parallele nicht ganz so deutlich: In Marienheide und in Gummersbach war die NSDAP 1933 vergleichsweise schwach, doch die SRP kam 1950 auch dort deutlich über 10%.

Protestieren oder ignorieren? – Umgang mit der SRP im Wahlkampf 1950
Quelle für Informationen über die Ereignisse im Wahlkampf 1950 ist die „Oberbergischen Rundschau“, die in der Neuen Bibliothek Gummersbach eingesehen werden kann. Die Zeitung lässt in Berichterstattung und Kommentierung eine deutliche Nähe zur CDU erkennen.
Die Links unter den Zitaten aus der Zeitung führen jeweils zu den vollständigen Artikeln, bei der Übertragung vom Bild in Text wurde die Rechtschreibung des Originals beibehalten und das Layout dem Original nachempfunden.
Weil sie sich auf nur drei Wahlkreise konzentrierte, konnte die SRP im Oberbergischen einen recht intensiven Wahlkampf betreiben. Ein Dr. Walter Kniggendorf aus Niedersachsen, der dort erst im Frühjahr mit Getöse von der „Deutschen Reichspartei“ zur SRP gewechselt war, trat am 29. April 1950 in Waldbröl als SRP-Wahlkampfredner im „Althoff-Saal“ auf – nicht ohne Gegenwehr! Sozialdemokraten, Kommunisten und Mitglieder der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) sorgten mit lautstarkem Protest dafür, dass die Versammlung aufgelöst werden musste.
Die SRP-Kundgebung war auch Thema der Mai-Kundgebung des DGB in Gummersbach:


Der Vorsitzende der IG Druck und Papier und SPD-Landtagsabgeordnete Konrad Dahl fand laut Oberbergischer Rundschau „…sehr deutliche Worte an die Adresse der Sozialistischen Reichspartei und die aufmuckenden Nazis „in der Hochburg Brüchermühle und der Waldbröler Nazi-Feste Hotel Althoff“. Er bezog sich dabei auf die Versammlung der SRP am Samstag, an der sich auch Gewerkschaftler beteiligt hatten, „diese Herren am Reden zu hindern”. Der Redner machte unmißverständlich klar, daß man nicht gewillt sei, die Provokationen von ganz rechts ohne weiteres hinzunehmen. Man werde sich entsprechend zur Wehr setzen. – Die Ausführungen des Redners wurden im bis auf den letzten Platz besetzten Gemeindehaus beifällig aufgenommen. Das Lied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!“ beendete die größte oberbergische Maifeier.“ (Oberbergische Rundschau, 3. Mai 1950, Bericht von den Maikundgebungen)
Die Sprengung der Versammlung und der deutliche Protest war in den Augen der Oberbergischen Rundschau nicht das richtige Mittel, sie vermisste „Vernunft und Taktgefühl“

Der Autor des Artikels schreibt, dass „Die Angeschrienen sich als Märtyrer, vielleicht sogar stolz zurück[-ziehen], finden Mitleid,..“,
Der Artikel beginnt:
„Die Sozialistische Reichspartei beginnt, nun auch im Oberbergischen die Gemüter zu beunruhigen. Von Waldbröl aus startet sie ihre Werbung um ehemalige Nazis, schwankende Geister und unklare Jugendliche. Die Versammlung im “Althoff-Saal“ flog auf. … Man kann nicht abstreiten, daß Prof. Dahmen die Versammlung ruhig einleitete. Man kann aber ebensowenig bestreiten, daß der Redner Dr. Kniggendorf, ein intelligenter, mit Massenpsychologie durchaus vertrauter und geschickter Agitator, in der Versammlung ausgesprochen provozierend begann. Seine Ironie über die „sogenannte Demokratie“, über die politisch Verfolgten, über die „Herren Kollegen“, über die militärische Zucht mußte reizen, mußte den ausgesprochenen Störenfrieden Wasser auf die Mühle treiben. Von diesen bewußten Störenfrieden waren gar nicht mal so viele erschienen. Etwa 10 bis 15 Vertreter der KP, der SPD und der VVN steigerten ihre Zwischenrufe, ihr Hin- und. Herlaufen, ihre Drohungen, ihr Verlesen und Verteilen von Propaganda-Versen bis zum Siedepunkt. Dr. Kniggendorf schüttete natürlich mit sarkastischen Bemerkungen Öl ins Feuer; die Polizei versuchte, mit allen Mitteln die Ruhe aufrecht zu halten, um Schlimmeres zu verhindern….“
Und weiter:
„Die vielen Anhänger der demokratischen Parteien, die durchaus ihre Opposition zu der Versammlung nicht verhehlten, bewahrten Vernunft und Taktgefühl. Ihnen ging es darum, bewährte Diskussions-Redner später zu Wort kommen zu lassen. Sie bedauerten außerordentlich, so an der Entlarvung der SRP und ihrer Hintermänner gehindert zu werden. Die CDU lehnt das Verhalten der kommunistischen und marxistischen Hetzer schärfstens ab und sieht deren Auftreten nur als einen Beweis dafür an, daß die KP z.B. nicht als demokratische Partei angesprochen werden kann. Die Junge Union war zahlreich vertreten und verhielt sich völlig ruhig und abwartend, so daß sogar einem ihrer Mitglieder von einem Unruhestifter der Vorwurf gemacht wurde, er gehöre wohl zur SRP!“
(Oberbergische Rundschau, 3. Mai 1950)
In einem weiteren Kommentar (auch in der Ausgabe vom 3. Mai 1950) wird den Protesttierenden der Vorwurf gemacht, ihre Aktion würde der SRP nutzen:

„Wenn die Sozialistische Reichspartei Reklame brauchte, so hat sie in den letzten Tagen im Oberbergischen mehr als genug bekommen. Die größten Verdienste erwarben sich hierbei die Herren von der Linken. Die SRP-Versammlung am Samstag in Waldbröl wurde – wie es so sonnig heißt – „gesprengt“, die Polizei griff ein und räumte den Saal. Unter diesem Eindruck fand später eine neue Versammlung statt, die zweifellos zu einem Erfolg für die SRPisten wurde. Nicht, weil diese Partei, die im Leichenhaus des Nationalsozialismus geboren wurde, mit ihrem Programm die Zuhörer beeindruckt hätte – nein: die SRP machte sich nur den Eindruck zunutze, den die Versammlungssprenger hinterlassen hatten. Dazu hätte es nicht einmal eines Demagogen vom Stile des Dr. Kniggendorf bedurft. … Aber der Zulauf zu dieser Partei wird nur gefördert, wenn man sie interessant macht. Herr Remer wäre heute noch Maurer, wenn man nicht so viel über ihn geredet und geschrieben und gelärmt hätte.Mit Stuhlbeinen kann man einem Redner den Schädel einschlagen, aber damit ändert man die Ueberzeugung seiner Zuhörer nicht im mindesten, erst recht nicht zugunsten einer anderen Sache.“
(Oberbergische Rundschau, 3. Mai 1950)
Drei Wochen später die Erkenntnis: Mit der SRP ist nicht zu diskutieren
Im Mai und im Juni gab es noch weitere Propaganda-Veranstaltungen der SRP im Oberbergischen. In der Berichterstattung der Oberbergischen Rundschau wird deutlich, dass auch für die Zeitung eine Diskussion mit den Hetzern nicht möglich und auch nicht der richtige Weg ist, die Partei zu „entlarven“.
So schreibt die Zeitung am 23.5.1950:

„Peinlich war es, daß Dr. Kniggendorf und die Versammlungsleitung mehrere Diskussionsredner nicht zu Wort kommen ließen mit der billigen Begründung, daß sie sich nicht früh genug zu Wort gemeldet hätten! …
Peinlicher auch war es, wie Dr. Kniggendorf einen Redner der jungen Union beschimpfte …
Jedenfalls werden Menschen, die für Redlichkeit, Sauberkeit und Ritterlichkeit sich einsetzen, solchen Versammlungen künftig fernbleiben.“
(Oberbergische Rundschau, 23. Mai 1950)
Am 31.5.1950 erschien eine Glosse, die die Stimmung bei den SRP-Kundgebungen deutlich macht:

„ „ Hahaha” lachte jemand im Saal, „In drei Jahren werden Sie nicht mehr lachen!” zeterte und drohte Dr. Kniggendorf. „In drei Wochen werden Sie nichts mehr zu lachen haben!” kam ein Zwischenruf. – Daraufhin wurde der Zwischenrufer von sechs SS-Burschen („Saal-Schutz” in Zivil) abgeführt …
Und Dr. Kniggendorf fuhr fort: „Sehr verehrte Anwesenden! – Kameraden! (Volksgenossen und Parteigenossen darf man noch nicht sagen, kommt aber wieder, Kameraden wirkt immer – wie sie die Knochen zusammenreißen!) Wir wollen doch für Ruhe und Ordnung sorgen.” (Welcher Art Ordnung – das werdet ihr dann sehen! Aber es sind immer noch zuviel Andersdenkende, Denkende überhaupt im Saal. ..) “
(Oberbergische Rundschau, 31. Mai 1950)
Warnung des Regierungspräsidenten
Beachtlich ist eine Erklärung des Kölner Regierungspräsidenten Dr. Warsch, der am 15. Juni sämtliche politischen Repräsentanten des Oberbergischen Kreises und die leitenden Kommunalbeamten zu einer Sitzung in Bielstein zusammengerufen hatte:

„ Er sagte unter anderem: „Die verantwortungslosen Demagogen, die durch das Oberbergische Land ziehen, würden sich e iner argen Selbsttäuschung hingeben, wenn sie etwa glauben sollten, ihre schamlose Verhetzung, ihre infamen Verdächtigungen und Verächtlichmachungen der Männer des heutigen Staates und der heutigen Parlamente in der gleichen Methode und Tonart, wie sie es vor 1933 praktiziert haben, auch heute wieder ungestraft durchführen zu können. …“ …
Der Regierungspräsident bezeichnete es als Pflicht der Beamten und behördlichen Angestellten sowie der Lehrerschaft, jederzeit ein offenes Bekenntnis abzulegen für den demokratischen Staat, wann und wo auch immer es sein möge. “
(Oberbergische Rundschau, 16. Juni 1950)
Die vollständige Erklärung ist sehr lesenswert – gerade angesichts von Neutralitäts-Geboten, die man heutzutage immer wieder Beamten und Lehrer:innen auferlegen will.
Zum Übersichts-Artikel Die „Sozialistische Reichspartei“ – ein Beispiel für ein erfolgreiches Parteiverbot