{"id":1070,"date":"2021-07-10T10:38:59","date_gmt":"2021-07-10T08:38:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/?p=1070"},"modified":"2021-07-11T14:46:48","modified_gmt":"2021-07-11T12:46:48","slug":"esther-bejarano-ist-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/esther-bejarano-ist-gestorben\/","title":{"rendered":"Esther Bejarano ist gestorben"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Morgen des 10. Juli 2021 ist Esther Bejarano gestorben. <\/p>\n\n\n\n<p>Am 30. M\u00e4rz 2019 gab sie ein mitrei\u00dfenden Konzert in Gummersbach.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"711\" src=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/DSCF8916-1024x711.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1071\" srcset=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/DSCF8916-1024x711.jpg 1024w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/DSCF8916-300x208.jpg 300w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/DSCF8916-768x533.jpg 768w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/DSCF8916-1536x1066.jpg 1536w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/DSCF8916.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Bild: Ingo Winkelstr\u00f6ter<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ihr Kampf gegen Faschismus im alten und im neuen Gewand ist uns Verpflichtung, weiter gegen Rechts aktiv zu sein. Wenn wir alle nur halb so viel tun wie Esther, haben Rechtsextremisten keine Chance!<\/p>\n\n\n\n<p>Am 3. Mai hielt sie eine Rede zum Jahrestag ihrer Befreiung aus den KZ Ravensbr\u00fcck am Lessingdenkmal in Hamburg. Die <a href=\"https:\/\/youtu.be\/rWQFNKtun6Y\">Rede ist als Video hier zu sehen<\/a>, und im Folgenden nachzulesen, die <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/8-mai-zum-feiertag-machen-was-75-jahre-nach-befreiung-vom-faschismus-getan-werden-muss-tagderbefreiung-bkagvat-bundesrat\">Petition \u201eDen 8. Mai zum Feiertag machen\u201c kann noch unterschrieben werden<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Esthers Rede im Wortlaut (es gilt das gesprochene Wort)<\/h3>\n\n\n\n<p><em>Wir haben die Lande gemessen, die Naturkr\u00e4fte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben herausgefunden, dass diese Erde gro\u00df genug ist; dass sie jedem hinl\u00e4nglichen Raum bietet, die H\u00fctte seines Gl\u00fccks darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anst\u00e4ndig ern\u00e4hren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will; und dass wir nicht n\u00f6tig haben, die gr\u00f6\u00dfere und \u00e4rmere Klasse an den Himmel zu verweisen. Die [\u2026] Zeit ist gekommen, wo die V\u00f6lker nicht mehr nach K\u00f6pfen gez\u00e4hlt werden, sondern nach Herzen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Heinrich Heine, aus: Die romantische Schule, 1833\/1836<\/p>\n\n\n\n<p><em>Liebe Freundinnen und Freunde da drau\u00dfen<\/em> \u2013 in Berlin, in Dortmund, in Essen, in Frankfurt und Hamburg und an vielen anderen Orten, ich gr\u00fc\u00dfe euch!<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich Heine liebe ich f\u00fcr diese wunderbaren Zeilen! Lesen wollte ich die unter dem Heine-Denkmal hier in Hamburg. Eine Baustelle verhindert das \u2013 wir sind nun zu Lessing gegangen, dem gro\u00dfen Aufkl\u00e4rer und Verfasser von \u201cNathan, der Weise\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute vor 76 Jahren bin ich in dem kleinen mecklenburgischen St\u00e4dtchen L\u00fcbz befreit worden, befreit von den amerikanischen und den sowjetischen Truppen. Ihr kennt meine Geschichte: Auf dem Marktplatz haben die Soldaten ein Hitlerbild verbrannt, alle haben gefeiert, lagen sich in den Armen \u2013 und ich habe dazu Akkordeon gespielt. Mein gr\u00f6\u00dfter Wunsch f\u00fcr den heutigen Tag war, noch einmal zu erleben, wie Amerikaner und Russen sich wie damals in L\u00fcbz umarmen und k\u00fcssen und gemeinsam das Ende des Krieges feiern! Den FRIEDEN feiern!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt muss ich bis zum n\u00e4chsten Jahr darauf warten. Aber wir feiern diesen Tag trotzdem. Und ihr alle feiert mit uns!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und an euch, liebe Freundinnen und Freunde in Berlin<\/em>,<\/p>\n\n\n\n<p>ich freue mich, dass ihr heute am Tag der&nbsp;Befreiung vom deutschen Faschismus auf das nicht eingel\u00f6ste Versprechen der Entnazifizierung hinweist. Es gab NIE eine STUNDE NULL! Alte Nazis bauten die Polizeibeh\u00f6rden, das Milit\u00e4r und viele Beh\u00f6rden in der Bundesrepublik auf. Diese Kontinuit\u00e4ten und der aggressive Antikommunismus sind auch Ursachen f\u00fcr die heute fast t\u00e4glich bekannt werdenden rassistischen und antisemitischen Vorf\u00e4lle in den Sicherheitsbeh\u00f6rden. Es ist besch\u00e4mend, dass heute noch neofaschistische Netzwerke in diesen Strukturen existieren k\u00f6nnen. Um diesen Bruch mit den NS-Kontinuit\u00e4ten auszudr\u00fccken, brauchen wir endlich einen Feiertag am 8. Mai!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Corona \u2013 im zweiten Pandemiejahr \u2013 fordert uns alle heraus: Der Beifall f\u00fcr die Pflegenden und die Dankeslieder von den Balkonen sind verklungen. Die in Pflegeberufen Arbeitenden warnen schon seit vielen Jahren: \u201cGesundheit ist keine Ware\u201d. Die Kommerzialisierung von Pflege, Gesundheit und Krankheit zeigt in dieser Krise \u00fcberdeutlich ihre Schw\u00e4chen. Danke an alle, die helfen, wo immer es ihnen m\u00f6glich ist, selbstlos und solidarisch. Orte wie Moria aber d\u00fcrfen wir trotzdem nicht vergessen. K\u00f6nnten wir uns je verzeihen, wenn wir diesem Elend auf den griechischen Inseln gleichg\u00fcltig zuschauen?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber da gibt auch noch die anderen: die Coronaleugner, die Verschw\u00f6rungsphantasten. \u00dcber die werde ich hier heute nicht sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo stehen wir \u2013 dieses Land, wo steht diese Gesellschaft heute \u2013 76 Jahre nach der Befreiung? Im Januar 2020 hab ich mit dem Auschwitz-Komitee einen offenen Brief an die Regierenden geschrieben mit sechs Forderungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die 5. Forderung lautet:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich fordere, dass die Diffamierung von Menschen und Organisationen aufh\u00f6rt, die entschlossen gegen rechts handeln. Was ist gemeinn\u00fctziger als Antifaschismus? <strong>Niemand sollte f\u00fcr antifaschistisches Handeln, f\u00fcr gemeinsame Aktionen gegen den Hass, gegen alte und neue Nazis diskreditiert und verfolgt werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ja inzwischen fast ein Jahrhundertmensch. Als ich zehn Jahre alt war, haben Bertolt Brecht und Hanns Eisler im Exil geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorw\u00e4rts, und nicht vergessen, worin unsere St\u00e4rke besteht \u2013 beim Hungern und beim Essen \u2013 vorw\u00e4rts und nicht vergessen: Die Solidarit\u00e4t!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und wie Solidarit\u00e4t wirkt, konnten wir gerade erleben. Wir wussten es ja schon immer: <strong>Antifaschismus ist<\/strong> <strong>gemeinn\u00fctzig<\/strong>. Nun haben das endlich auch die Finanz\u00e4mter erkannt. Altmodisches Briefeschreiben hat gewirkt \u2013ich hatte an den Finanzminister Olaf Scholz geschrieben. Erk\u00e4mpft ist das durch viele, viele Menschen guten Willens \u2013 gemeinsam und solidarisch. Der gr\u00f6\u00dften und \u00e4ltesten antifaschistischen Vereinigung, der VVN-BdA wurde ihre \u201cGemeinn\u00fctzigkeit\u201d jetzt beh\u00f6rdlich best\u00e4tigt. Und sie geht gest\u00e4rkt aus dieser Auseinandersetzung hervor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Und nun zu unserer 6. Forderung:<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist \u00fcberf\u00e4llig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschla\u00adgung des NS-Regimes. Am 8. Mai w\u00e4re dann Gelegenheit, \u00fcber die gro\u00dfen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: \u00dcber Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit \u2013 und Schwesterlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Echo darauf war gewaltig. Begeisterung und Kritik allenthalben. Dann initiierten #DIE VIELEN und die VVN\u2013BdA Petitionen und \u00fcbergaben viele tausend zustimmende Unterschriften an den Bundestag. Die Sammlung geht weiter! &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der 8. Mai ist in vielen L\u00e4ndern Europas l\u00e4ngst ein Feiertag. In Deutschland wird vom \u201cTag der Niederlage\u201d gesprochen, das sei kein Tag zum Feiern. Kritiker sollten aber einfach mal dar\u00fcber nachdenken, wie wir heute leben w\u00fcrden, wenn die Nazis den Krieg gewonnen h\u00e4tten! Der 8. Mai ist ein Tag der Hoffnung, ein Tag des Nachdenkens! Und wir sollten das Grundgesetz feiern, das in seinem Verst\u00e4ndnis von Freiheit, Demokratie und Menschenw\u00fcrde ein klarer Gegenentwurf zur NS-Herrschaft ist, die am 8. Mai 1945 endete.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der 8. Mai muss ein Feiertag werden. Arbeiten wir daran!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Baustellen \u00fcberall: Nach dem anhaltenden Konflikt um die ehemalige Hamburger Gestapo-Zentrale Stadthaus soll auch ein neuer Erinnerungsort, der an die Deportationen von Juden und J\u00fcdinnen,<\/p>\n\n\n\n<p>Roma und Sinti und anderen politisch Verfolgten gemeinsam erinnern soll, nun in ein Geb\u00e4ude einziehen, in dem ein NS-belasteter Konzern seinen Sitz haben soll. Wir sagen NEIN und fordern die Aufl\u00f6sung der Vertr\u00e4ge. Schon wieder droht ein Projekt in Private Public Partnership zu scheitern. Erinnerung ist nicht privatisierbar. Keine Hausgemeinschaft mit Firmen mit NS-Vergangenheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen, wohin Rassismus, Antisemitismus, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Antiziganismus f\u00fchren. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass Neurechte und Neonazis sich die Stra\u00dfen nehmen und ihre Menschen\u00adverachtung in Parlamenten und Medien ausleben k\u00f6nnen. Nirgendwo. Wir fordern eindeutige Abgrenzungen zu rechten Brandstiftern. Die Anschl\u00e4ge in Halle, in Hanau, der Angriff vor einer Synagoge in Hamburg \u2013 schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir m\u00fcssen mehr erinnern, nicht weniger. <\/strong>Verschiedene Erfahrungen sichtbar machen. Das koloniale Erbe des Deutschen Reichs, die Thematisierung von Polizeigewalt durch die Black-Lives-Matter-Bewegung \u2013 in der postmigrantischen Gesellschaft fordern von Rassismus Betroffene nicht nur Sichtbarkeit in der Gegenwart, sondern auch f\u00fcr Vergangenes. F\u00fcr unsere Arbeit ist das Internationalistische Selbstverst\u00e4ndlichkeit \u2013 auch wenn unsere Kr\u00e4fte oft daf\u00fcr nicht ausreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich appelliere an alle Menschen: bitte, bitte schweigt nicht, wenn ihr Unrecht seht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Streitet f\u00fcr eine andere, bessere Gesellschaft ohne Diskriminierung, Verfolgung, Antisemitismus und Rassismus. <strong>Bleibt ersch\u00fctterbar \u2013 und widersteht<\/strong> \u2013 wie der Hamburger Dichter Peter R\u00fchmkorf schrieb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schw\u00e4chsten! Bleibt mutig!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch!<br><strong>NIE WIEDER FASCHISMUS \u2013 NIE WIEDER KRIEG<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des 10. Juli 2021 ist Esther Bejarano gestorben. Am 30. M\u00e4rz 2019 gab sie ein mitrei\u00dfenden Konzert in Gummersbach. 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