{"id":2675,"date":"2023-10-20T17:02:46","date_gmt":"2023-10-20T15:02:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/?page_id=2675"},"modified":"2025-04-07T22:25:59","modified_gmt":"2025-04-07T20:25:59","slug":"zeitzeuge-willi-kessler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/zeitzeuge-willi-kessler\/","title":{"rendered":"Zeitzeuge Willi Kessler"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">Willi Kessler stammte aus Berlin. Er hatte als einziger aus seiner Familie Auschwitz \u00fcberlebt. Eine Gruppe der evangelischen Studentengemeinde hat unter der Leitung von J\u00f6rn-Erik Gutheil zu Beginn der 1980er Jahre mit ihm gesprochen, die Gespr\u00e4che wurden in dem Band &#8222;Einer mu\u00df \u00fcberleben &#8211; Gespr\u00e4che mit Auschwitzh\u00e4ftlingen 40 Jahre danach&#8220; (der kleine verlag, D\u00fcsseldorf 1984) ver\u00f6ffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Gutheil geben wir hier wieder, was Willi Kessler erlebt hatte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">Zun\u00e4chst zwei Auschnitte, am Ende der Seite kann die <a href=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Einer-muss-ueberleben.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">vollst\u00e4ndige Version <\/a>heruntergeladen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">(Die hier rot geschriebenen Zeilen sind nicht Teil der Ver\u00f6ffentlichung von 1984.) <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">Bei den<em> kursiv geschrieben<\/em> Passagen im Text handelt es sich um Anmerkungen der Autorinnen und Autoren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">Zun\u00e4chst die Beschreibung, wie Willi Kessler die Burgbergklinik erlebte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color has-medium-font-size\"><strong>Ankunft in Denklingen <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Die einzige Verwandte, von der ich dachte, sie k\u00f6nnte noch leben, war eine Tante in M\u00fclheim\/Ruhr. Sie hatte immer gesagt: \u201eMich kriegen die nicht! Ich gehe in den Untergrund.\u201c So bin ich also im Oktober 1945 nach M\u00fclheim gefahren. Dort habe ich festgestellt, da\u00df alle Juden aus M\u00fclheim nach Tschenstochau abtransportiert worden waren. Da brach f\u00fcr mich alles zusammen, da wu\u00dfte ich, ich habe gar niemanden mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">In M\u00fclheim bin ich dann, ohne es zu wollen, in ein Krankenhaus gekommen. Ich war der einzige, der keinen Besuch bekam. Alle anderen bekamen ihre Verpflegung von drau\u00dfen mitgebracht. So marschierte ich an jedem Morgen und Nachmittag durch das. Krankenhaus, es hatte etwa 30 bis 40 Zimmer, und holte mir aus allen Zimmern die Butterbrote zusammen. Manchmal war ein bi\u00dfchen Margarine drauf oder Marmelade, Wurst gab es nicht. Dann sa\u00df ich mit einer Kanne Kaffee oder Kakao \u2018vor einem Teller voller Brote. Ich wurde nie satt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Der Arzt sagte zu einer der Schwestern, da\u00df ich immer etwas zu essen bekommen sollte, nicht nur zu den Mahlzeiten. Daher stellte mir die Schwester abends immer eine gro\u00dfe Porzellansch\u00fcssel Sp\u00e4tzle mit Milch auf mein Nachtkons\u00f6lchen. Wenn ich wach wurde, hatte ich Hunger wie ein Wolf. So ging es mir allm\u00e4hlich etwas besser. Aber eines Tages sagte mir der Arzt: \u201eDas Essen, das sie brauchen, um wirklich wieder auf die Beine zu kommen, das k\u00f6nnen wir Ihnen hier nicht bieten. <strong>Ich habe f\u00fcr Sie eine Stelle ausfindig gemacht und zwar im Rheinland, in Denklingen.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color\">Es handelte sich dabei um eine fr\u00fchere Lungenheilst\u00e4tte, in der nach dem Krieg die Engl\u00e4nder die Deportierten versorgt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 2. Januar 1946, ich werde das nie vergessen, bin ich mit dem Bus von Dieringhausen nach Denklingen gekommen. Als ich von unten das gro\u00dfe Haus gesehen habe, standen mir die Tr\u00e4nen in den Augen. Ich dachte: \u201eWas sollst du da? Da ist man fremd; das Schlimmste f\u00fcr den Menschen ist es ja, nicht zu wissen, wo er hingeh\u00f6rt. Viele sagen, wenn man jung ist, kommt man schnell dar\u00fcber hinweg. Aber das stimmt nicht immer, das ist nicht wahr, ob \u00e4lter oder j\u00fcnger, man ist verlassen. Das kann zu einer Krankheit werden, und man hat immer das Gef\u00fchl, jeder will einem was, man f\u00fchlt sich stets als derjenige, der unterdr\u00fcckt wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekam dann mein Zimmer zugewiesen und konnte in den Speisesaal gehen. Dort gab es Hammelfleisch mit Steckr\u00fcben, dick gekocht. Ich habe dann ordentlich gespeist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort lernte ich bald den zweiten Koch kennen, einen Holl\u00e4nder, der nicht zur\u00fcck durfte, weil er bei der SS gewesen war. Das war aber ein Pfundskerl. Er sagte: \u201eMan war jung, man wollte etwas erleben, so bin ich Soldat geworden und bekam ein Abzeichen auf den Kragen.\u201c Er hat aber nie einem Menschen etwas getan. Der kam abends zu mir und brachte mir ganze Fleischw\u00fcrste, er hat mich verpflegt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bei den Erz\u00e4hlungen \u00fcber den Aufenthalt in Denklingen nimmt Frau Kessler zunehmend an unseren Gespr\u00e4chen teil. Nach einiger Zeit bekommen wir heraus, da\u00df sie in dieser Zeit ihren Mann kennengelernt hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Frau war in der Teek\u00fcche besch\u00e4ftigt, und ich hatte einen Sitzplatz, von dem ich genau dorthin hineinsehen konnte. Nun spricht es sich ja herum, wer, was, wo \u2014 so ein Krankenhaus ist wie ein Dorf. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte mir meine Frau, ich h\u00e4tte ihr immer leid getan. So haben wir uns dann angefreundet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fuhr immer nachmittags nach Hause und so fragte ich sie eines Tages, ob ich sie begleiten d\u00fcrfte. \u201eNein\u201c, sagte sie, sie k\u00f6nnte ohne mich auskommen. So habe ich jeden Bus abgepa\u00dft, der kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gingen dann \u00f6fter miteinander spazieren, bis sie eines Tages sagte, ich solle mit zur Konfirmation ihres Bruders gehen. Ich bin dahin gekommen und wie der erste Mensch bestaunt worden. Mein sp\u00e4terer Schwiegervater fragte, was ich denn einmal tun wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df es nicht\u201c, sagte ich. Er meinte: \u201eWei\u00dft du was, Junge, wo f\u00fcnf am Tisch sitzen, da bekommt der sechste auch noch etwas ab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im August 1946 haben wir geheiratet, und ich bekam dann auch Arbeit, nachdem ich wohl zwanzigmal zur Personalstelle gelaufen war. Ich war im Transport besch\u00e4ftigt, das war schwere Arbeit, man hatte damals noch keinen Hebekran, man mu\u00dfte in die H\u00e4nde spucken \u2014 und in dieser schlechten Zeit hatte man ja auch nichts zuzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color has-medium-font-size\"><strong>Als ehemaliger Auschwitz-H\u00e4ftling im Oberbergischen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">Das Leben im einem Dorf im Oberbergischen war nicht unbedingt einfach f\u00fcr einen Juden, der das KZ Auschwitz \u00fcberlebt hatte. Auch die B\u00fcrokratie in der jungen Bundesrepublik war nicht hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich war in einem Konzentrationslager<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr uns ist es schwer vorstellbar, wie Willi Kessler, belastet mit seinen Erinnerungen, ohne eigene Familie in einem kleinen Ort Fu\u00df fassen konnte. Wir wissen, da\u00df \u00dcberlebenden der Konzentrationslager h\u00e4ufig alles andere als Sympathie entgegengebracht wurde und wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachbarn, die wu\u00dften am Anfang nichts davon, wer ich bin. Sie haben mich als nettenMenschen empfunden, wir haben uns unterhalten, hatten viel Kontakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen kannte ich, der war bei der SS gewesen, war jetzt dem Suff verfallen, ein derber Mensch, aber er hat wohl nie jemandem etwas getan, war dort gelandet, weil er sonst keine Arbeit gefunden hatte. Auch der Architekt, der unser Haus entworfen hat, war Offizier bei der SS gewesen, der hat auch keinem etwas getan; wenn man studiert hatte, wurde man ja schnell Offizier. Es waren also nicht alle gleich. Sp\u00e4ter einmal sagte unser Arzt zu meiner Frau: \u201eWie kommen Sie denn an Ihren Mann? Mu\u00dften Sie denn so einen heiraten?\u201c Es hatte sich so herumgesprochen. Ich habe den Arzt dann daraufhin angesprochen, und er meinte, so sei das nicht gemeint gewesen. Ich sagte ihm: \u201eIch habe es aber so en, der das KZ Auschwitz \u00fcberlebt hatte. Auch die B\u00fcrokratie in der jungen Bundesrepublik war nicht hilfreich.aufgenommen; wenn man so etwas Schreckliches erlebt hat, dann hat man ein Empfinden daf\u00fcr, wie etwas gemeint ist oder sein k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach hat man dann hier in der Gegend erfahren: Der war dabei. Sie haben mich nicht angep\u00f6belt, nur eben auf andere Art und Weise versucht, mich zu verdr\u00e4ngen. Auch auf meiner Arbeitsstelle sa\u00dfen die ganzen alten Br\u00fcder, ich konnte da nie richtig Fu\u00df fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier hatte schlie\u00dflich der Reichsleiter der deutschen Arbeitsfront (DAF) Dr. Ley gewohnt, ebenso sein Adjutant. Es hatte gro\u00dfe Pl\u00e4ne gegeben f\u00fcr den Bau einer \u201eAdolf-Hitler-Schule\u201c, da haben viele freiwillig ihre Grundst\u00fccke abgegeben. Viele, die f\u00fcr den Nationalsozialismus gewesen waren, die \u00fcber die Vergangenheit Bescheid wu\u00dften, haben einem Steine in den Weg geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonst hat man nicht viel dar\u00fcber gesprochen. Es war eine verworrene Zeit, jeder sorgte f\u00fcr sein eigenes materielles \u00dcberleben, die Vergangenheit war Nebensache, aber der Nationalsozialismus hat tiefe Wurzeln.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir sp\u00fcren die gro\u00dfe Einsamkeit, unter der Familie Kessler bis heute in ihrer Wohngegend<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>leidet. \u201eBlo\u00df nicht auffallen, blo\u00df niemanden daran erinnern, da\u00df wir \u201aanders\u2018 sind\u201c, ist ihr st\u00e4ndiges Bestreben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Auf die Problematik der Wiedergutmachung waren wir schon w\u00e4hrend unserer Vorbereitung auf die Gespr\u00e4che gesto\u00dfen: Summen, festgesetzt als Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Verlust der Eltern, einzelner K\u00f6rperteile, f\u00fcr \u201eFolgesch\u00e4den\u201c&#8230; .<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Auch Willi Kessler berichtet von einem langen Weg, bis.er endlich eine sp\u00e4rliche Entsch\u00e4digung bekam. :<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesetz \u00fcber eine Wiedergutmachung f\u00fcr politisch, rassisch oder religi\u00f6s Verfolgte im 3. Reich kam erst 1956 raus. Bis dahin gab es nichts, gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeit vorher ging es mir vor allem darum, eine vern\u00fcnftige Arbeit zu bekommen. So habe ich mich an Herrn Dr. Gerstenmaier gewandt, den damaligen Bundestagspr\u00e4sidenten. Der war ja auch im Zuchthaus gewesen und f\u00fchlte sich als Verfolgter. Ich dachte mir: \u201eDas ist doch auch ein Mensch, der hat doch auch etwas Schlimmes erlebt, vielleicht kann der dir Arbeit besorgen.\u201c Ich erhielt dann ein Schreiben von seinem Referenten: Er w\u00fcrdigte, was ich durchgemacht h\u00e4tte, k\u00f6nne aber selbst nichts f\u00fcr mich tun; wenn die entsprechenden Gesetze herausk\u00e4men, seien die f\u00fcr mich ma\u00dfgebend. Keiner hat mir geholfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann habe ich dem Arbeitsminister von Nordrhein-Westfalen geschrieben &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen habe ich ein ganzes B\u00fcndel Unterlagen: \u201eEs tut mir leid, da\u00df Sie soviel erlebt haben&#8230;\u201c \u201eMenschlich w\u00fcrde ich Ihnen gerne helfen .. .\u201c, \u201eLeider bin ich nicht zust\u00e4ndig&#8230; .\u201c, \u201eIch habe Ihr Schreiben weitergeleitet &#8230; .\u201c, so ging das immer weiter, einer schob es dem anderen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Und andere, die angeblich Berufssoldaten gewesen waren, denen wurde geholfen, aber einer, der im KZ gewesen war&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Hin und wieder kam ich vor einen Anerkennungsausschu\u00df, wurde einmal anerkannt, dann wieder abgelehnt, so ging das. hin und her. Schlie\u00dflich habe ich das Land Nordrhein-Westfalen verklagt. Ich mu\u00dfte daf\u00fcr zum Landgericht nach K\u00f6ln. Dort traf ich auf den Landgerichtsdirektor Marx, der mich fragte: \u201eKessler, wo kommen Sie denn her?\u201c Aus dem Oberbergischen! \u201eWie lange sind Sie denn unterwegs?\u201c \u201eVon heute morgen halb f\u00fcnf, da bin ich mit meiner Frau in den Zug gestiegen.\u201c Herr Marx erwiderte: \u201eGeht in Ordnung, wir nehmen Ihren Fall jetzt sofort dran. Machen Sie sich keine Sorgen; es ist nur traurig, da\u00df f\u00fcr Menschen wie Sie bisher noch nichts getan wurde.\u201c Er gab mir dann ein Schreiben, damit konnte ich mit meiner Familie in der Kantine essen und mir das Fahrgeld an der Kasse erstatten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lief das: ich bekam Haftentsch\u00e4digung, f\u00fcr das Sterntragen, das galt als Freiheitsberaubung, eine Ausgleichsentsch\u00e4digung. Sp\u00e4ter kam eine Wiedergutmachung f\u00fcr meinen Vater, meine Mutter und f\u00fcr unser Haus hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Haus wurde mit DM 50.000 einschlie\u00dflich des Betriebes veranschlagt und im Verh\u00e4ltnis 10:1 entsch\u00e4digt, ich erhielt also weitere DM 5.000,-!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich da an andere denke&#8230; . Das ist eine Schweinerei. Ich habe mir gesagt: \u201eGerechtigkeit? Niemals, niemals im Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Willi Kessler fand schlie\u00dflich in einem Bundesministerium eine Anstellung. Die Folgen der Haft zeichneten das weitere Leben: vorzeitig pensioniert, Schlaganfall, halbseitig gel\u00e4hmt, am Stock gehend, heute im Rollstuhl. Das H\u00e4uschen im Oberbergischen ist sein Refugium, in das er sich stolz zur\u00fcckziehen kann: das geh\u00f6rt mir. Aber schon w\u00e4chst wieder die Angst vor Tendenzen, die er in viel bedr\u00e4ngender Sensibilit\u00e4t erf\u00e4hrt: Jugendliche schlie\u00dfen sich neonazistischen Gruppen an, Kameradschaftstreffen der ehemaligen Waffen-SS werden ungehindert in Stadt und Land durchgef\u00fchrt, Schmierereien an den W\u00e4nden oder anonyme Zusendungen sind gang und g\u00e4be\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Willi Kessler sagt weiter:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auschwitz lebt bis heute, und derjenige, der sich nicht erinnert, macht sich zum Helfershelfer der M\u00f6rder. Da\u00df es heute noch Menschen gibt, auch junge Menschen, die in neonazistischen Gruppen sind und schreien \u201eJuda verrecke\u201c, das kann ich nicht begreifen. Ich kann auch nicht verstehen, da\u00df Menschen, die selbst den Untergang ihres eigenen Volkes erlebt haben, den Zusammenbruch nach dem Krieg, die nach und nach erfahren haben, welche Greuel geschehen sind, da\u00df die noch f\u00fcr diese Zeit schw\u00e4rmen k\u00f6nnen, das kann ich als normaler Mensch nicht begreifen. Viele haben noch nie in ihrem Leben einen Juden gesehen, das ist ein Antisemitismus ohne Juden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rede jetzt nicht aus Ha\u00df, Ha\u00df soll man nie hegen, das ist eine Krankheit. Man soll vergeben, aber vergessen, das darf man nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Frau sagt: \u201eIch kenne dich jetzt schon 36 Jahre, immer denkst du \u00fcber dieses Thema nach.\u201c Das ist mein Leben. Junge Menschen, die jetzt aus der Schule kommen, eine Lehre beginnen, f\u00fcr die beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Als ich in dem Alter war,begann mein neuer Lebensabschnitt damit, da\u00df ich auf gr\u00e4\u00dfliche Art und Weise meine Familie verlor, da\u00df man mir das Leben ungerechterweise so schwer wie m\u00f6glich machte. Das kann man nicht vergessen, das haftet einem an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann doch nicht sagen: \u201eDu bist schuld\u201c. Eine Kollektivschuld gibt es nicht. Und die einzelnen, die schuldig sind, versuchen mit allen Mitteln, den Mantel des Vergessens auszubreiten, um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der jungen Generation w\u00fcrde ich sagen: \u201eWehret den Anf\u00e4ngen\u201c. Heute gibt es wieder Parallelen zu der Zeit von 1933-45; der Nationalsozialismus \u00fcbt auf junge Leute wieder Reiz aus. Und wie in der Weimarer Republik gibt es zu viele sich bek\u00e4mpfende politische Gruppen. Der Kommunismus ist eigentlich wie der Nationalsozialismus, beide streben nach absoluter Macht und Diktatur, nach der Knechtung des freien Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll nie wieder V\u00f6lkermord geben, weder an Juden noch an T\u00fcrken. In der Zeitung stand, da\u00df ehemalige Buchenwaldh\u00e4ftlinge heute wieder Angst haben, ihre Namen zu nennen \u2014 so weit ist die Entwicklung schon wieder!<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es wie ein Traum, da\u00df man das als Mensch \u00fcberlebt hat. Die erste Zeit danach, da war man so unruhig, man. konnte das nicht absch\u00fctteln, es war zu tief verwurzelt, man konnte nicht Herr \u00fcber sich selber werden. So ist es mir zum Beispiel passiert, da\u00df ich nach der Befreiung aus Buchenwald vor dem Lager einfach umgekehrt bin, ich konnte es . hicht glauben, nach den Jahren hinter Stacheldraht wieder wirklich frei zu sein\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte eigentlich st\u00e4ndig dar\u00fcber reden, was ich erlebt hatte. Meine Frau konnte es bald nicht mehr h\u00f6ren, andere wollten es nicht glauben; wer hatte denn Mitleid?<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal waren wir im Sauerland auf einem Ausflug. Ich hatte ein kurzes Hemd an, so da\u00df man die Nummer auf meinem Arm sehen konnte. Da h\u00f6rte ich, wie jemand sagte: \u201eMit dem ist es auch nicht ganz geheuer, der war bestimmt in einer Anstalt oder so.\u201c Ich antwortete ihm, da\u00df ich in einem Konzentrationslager gewesen sei, und er meinte: \u201eAber sie sprechen doch deutsch, ich dachte, da waren nur Ausl\u00e4nder.\u201c Auch die Bev\u00f6lkerung in Th\u00fcringen hatte damals gedacht, es seien nur Verbrecher im Lager\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Befreiung von Buchenwald wurde der Bev\u00f6lkerung befohlen, durch das Lager zu gehen. Da ging das Geweine los, und wir mu\u00dften das jahrelang aushalten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Gespr\u00e4che mit Willi Kessler erstreckten sich \u00fcber sechs Monate. Wir besuchten ihn als Gruppe in seinem Haus im Oberbergischen; Frau Kessler hatte jedesmal Kaffee und Kuchen vorbereitet, was uns etwas von unserer Befangenheit nahm. Andererseits war es f\u00fcr uns oft schwierig, bei Kaffee und Kuchen von den Schrecken der Lagerzeit zu h\u00f6ren, uns in Herrn Kessler hineinzuf\u00fchlen, der w\u00e4hrend seiner Erz\u00e4hlungen deutlich sichtbar das Inferno von Auschwitz nacherlebte. Da\u00df er, anders als andere Gespr\u00e4chspartner, mit denen wir Kontakt hatten, zu seinen Erlebnissen in Auschwitz keine Distanz gefunden hatte, zeigte sich immer wieder.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es war der oft ausgesprochene Wunsch Willi Kesslers, noch einmal nach Auschwitz zu kommen \u2014 zum Grab seiner Lieben, wie er es bezeichnet \u2014, aber auf \u00e4rztliches Anraten hin konnte dieser Wunsch bisher nicht erf\u00fcllt werden. Vielleicht h\u00e4tte er dann die Ruhe gefunden, von der uns andere \u00dcberlebende berichteten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr die Familie ist es andererseits schwierig, st\u00e4ndig mit der Vergangenheit des Vaters konfrontiert zu sein. Indirekt m\u00f6gen hierf\u00fcr auch Erfahrungen mit der d\u00f6rflichen Wirklichkeit im Oberbergischen eine Rolle spielen. Vor allem Frau Kessler hat hier zu sp\u00fcren bekommen, was es bedeutet, \u201eso einen\u201c zum Mann zu nehmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nach den langen Jahren des Durchbei\u00dfens durch b\u00fcrokratische Fallstricke, greifbare Ungerechtigkeiten, wiederholte Dem\u00fctigungen und eine Lebenserfahrung, die Tag und Nacht gegenw\u00e4rtig ist, kann man den Wunsch, \u201ein Ruhe gelassen zu werden\u201c, gut verstehen. Alles, was diese Ruhe st\u00f6ren k\u00f6nnte, wird argw\u00f6hnisch betrachtet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Willi Kessler hat \u00fcberlebt. Er hat soweit sein Ziel erreicht. F\u00fcr uns ist in allen Gespr\u00e4chen sp\u00fcrbar geblieben, wie sehr ihn gerade dies gepr\u00e4gt hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In seinen Worten ausgedr\u00fcckt:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf den Tag zu hoffen, das war Marter, an den Tag zu glauben, das ging noch, aber den Tag zu erleben, das war Gottes Gnade.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-color has-text-color\">Hier ist die vollst\u00e4ndige Niederschrift der Gespr\u00e4che mit Willi Kessler:<\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Einer-muss-ueberleben.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von Einer-muss-ueberleben.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-541d699f-dace-4850-b08e-4138a5a6e47b\" href=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Einer-muss-ueberleben.pdf\">Einer-muss-ueberleben<\/a><a href=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Einer-muss-ueberleben.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-541d699f-dace-4850-b08e-4138a5a6e47b\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi Kessler stammte aus Berlin. 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