{"id":1295,"date":"2022-01-25T23:42:21","date_gmt":"2022-01-25T22:42:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/?page_id=1295"},"modified":"2024-08-30T12:21:18","modified_gmt":"2024-08-30T10:21:18","slug":"bericht-der-zeitzeugin-ludwika-kot-geb-kukielka","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/bericht-der-zeitzeugin-ludwika-kot-geb-kukielka\/","title":{"rendered":"Bericht der Zeitzeugin Ludwika Kot, geb. Kukielka"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"529\" height=\"342\" src=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Foto.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1296 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Foto.jpg 529w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Foto-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 529px) 100vw, 529px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><strong>Erinnerungen (Auszug) eines \u201eKindes von Zamojszczyzna\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>von Ludwika \u201eLudka\u201c Kot, geborene Kukie\u0142ka<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><strong>I. <\/strong><strong>Das Jahr 1939. Der Krieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im September 1939 erreichte ich das Schulalter und sollte eingeschult werden. Die Geschichte drehte aber ihr grausames Rad und schrieb f\u00fcr diese Generation ein ganz anderes Drehbuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon mit den ersten Stunden des Krieges erlebten die Menschen die Unruhen und die Unsicherheit, die mit dem Einzug von fremdem Milit\u00e4r, Luftangriffen und mit alldem, was der Krieg mit sich bringt, verbunden waren. Diese Unruhen und \u00c4ngste dauerten ganze sechs Jahre. In den ersten Kriegstagen versteckten sich die Einwohner unseres Dorfes mit ihrer gesamten Habe in den W\u00e4ldern. Auch unsere Familie. Nach einer Weile kehrten wir zur\u00fcck ins Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kamen die Soldaten der Besatzungsmacht. In unserem Haus, in der noch nicht vollendeten Stube, wurde f\u00fcr die Soldaten, die in unserer Gegend stationiert waren, ein Milit\u00e4rlebensmitteldepot untergebracht. Die Wachsoldaten benahmen sich uns gegen\u00fcber sehr wohlwollend, machten uns Kindern kleine Geschenke und fotografierten die Einwohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas sp\u00e4ter erfolgte der Abmarsch der Streitkr\u00e4fte der Besatzer Richtung Osten und unsere Region \u00fcbernahm die Gestapo-Administration mit dem Sitz in Bilgoraj. Das Leben schien sich zu normalisieren. Es war jedoch tats\u00e4chlich nur der Schein. Die Repressalien gegen\u00fcber der Zivilbev\u00f6lkerung nahmen mit jedem Tag zu. Hier und dort erfolgten die Verhaftungen, Abtransporte von Jugendlichen zur Zwangsarbeit in das III. Reich<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>. In einem solchen Kontingent befand sich unser Onkel Franek. Die Verhaftungen endeten dramatisch, z. B. im Falle des <a href=\"#Priester\">Priesters Mikolaj Kostrzewa<\/a> aus Majdan. Ein paar Wochen nach seiner Verhaftung kam die Nachricht, dass er im Konzentrationslager Dachau gestorben ist. Das t\u00e4gliche Leben wurde zu einem Alptraum, der jeden Tag und jede Nacht mit Angst erf\u00fcllte. Es betraf jedem, unabh\u00e4ngig von seinem Alter. Wie ich bereits erw\u00e4hnte, wohnten wir in der N\u00e4he der Dorfschule. Die Lehrerin besch\u00e4ftigte unsere Mutter als Hausmeisterin. Eines Tages ging sie wie immer zur Arbeit. Als die Gestapo, die mit Autos aus Richtung Bilgoraj kam, sie bemerkte, feuerte sie auf sie mit dem Maschinengewehr. Dass sie \u00fcberlebte, grenzt an ein Wunder. Solche und \u00e4hnliche Bilder geh\u00f6rten zum allt\u00e4glichen Leben der Bev\u00f6lkerung des besetzten Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Gegend entstand der bewaffnete Widerstand. Es gab Angriffe auf den Sitz der Gestapo, es kam zu Sabotageakten und \u00e4hnlichen Aktionen. Die Repressalien seitens der Besatzer nahmen noch zu. Die Juden und die jungen M\u00e4nner wurden \u201epazifiziert\u201c<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a> und in die Todeslager gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>1940-41 ging ich zur Schule. Es war wirklich nur kurze Zeit. 1942 verh\u00e4ngte die Gestapo ein Schulverbot. So endete meine Bildung in der ersten Klasse. Meine Zeit verbrachte ich mit Unterst\u00fctzung meiner Mama bei den Hausarbeiten und beim H\u00fcten der K\u00fchen. Diese schwierigste Aufgabe \u00fcberhaupt \u00fcbernahm manchmal mein zwei Jahre j\u00fcngerer Bruder Czesiek.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>II. Pazifikation (\u201eBefriedung\u201c) von Zamojszczyzna, 1943, (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aktion_Zamo%C5%9B%C4%87\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Aktion Zamosc<\/a>)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war im Juni. Und obwohl es bereits Sommer war, waren die Tage kalt und der Himmel bedeckt. Am Morgen weidete Czesiek die K\u00fche bei Male Smolsko und die restliche Familie sa\u00df am Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Pl\u00f6tzlich sahen wir aus dem Fenster die Schwarmlinie von bewaffneten deutschen Soldaten mit Hunden, die aus der Waldrichtung auf das Dorf zukamen. Unser Haus war als erstes dran. Sie dr\u00e4ngten in die Stube, schmissen uns raus auf die Stra\u00dfe und durchk\u00e4mmten den Hof. Es gab keine M\u00f6glichkeit irgendetwas von Zuhause mitzunehmen. Nichts passte zusammen. Einerseits war es ein sommerlicher Tag, pr\u00e4chtige Natur in Bl\u00fcte, gedeihendes Getreide auf den Feldern, das gute Ernte versprach und andererseits das Drama der Menschen, die ihr Lebenswerk zur\u00fccklassen mussten. Der erschossene Hund und die verlassenen Haustiere. So erging es auch allen anderen Familien in unserem Dorf. Wir wurden in einer Kolonne aufgestellt, die von Soldaten mit Hunden umringt und vor sich hergetrieben wurde. Zu der Kolonne stie\u00df noch mein j\u00fcngerer Bruder Czesiek, Augen voller Tr\u00e4nen und blau vor Angst. So waren wir aber alle zusammen und allein das z\u00e4hlte. Er hatte viel Gl\u00fcck, weil alle diejenigen, die auf den Feldern arbeiteten oder das Vieh h\u00fcteten, durch die Deutschen umgebracht wurden. So starb die Schwester unserer Schw\u00e4gerin Janka Szczachor, das kleine M\u00e4dchen, das die K\u00fche h\u00fctete. Das Eintreiben von Menschen und Durchk\u00e4mmen vom Terrain wurden mit deutscher Gr\u00fcndlichkeit durchgef\u00fchrt. Haus um Haus, Anwesen um Anwesen. Einige Einwohner nutzten die Zeit, bevor die Soldaten kamen, um das N\u00f6tigste, meistens etwas zum Essen (Brot) mitzunehmen. Unsere Gro\u00dfmutter Frania nahm sogar einen Schafspelz, mit dem sie uns sp\u00e4ter aufw\u00e4rmte. So wurde das gesamte Dorf von Menschen entleert und die gespenstische Kolonne von Getriebenen mit den weinenden Kindern wuchs und wuchs. Sie wurde im letzten Hof des Dorfes, der der Familie Grzyb geh\u00f6rte, angehalten. Der Hof wurde von den Soldaten und Hunden so eng umstellt, dass selbst die sprichw\u00f6rtliche Maus keine Chance gehabt h\u00e4tte, zu entkommen. Nun stieg unsere Angstaufregung rapide, da am Vortag die gleiche Aktion in einem Dorf, das ein paar Kilometer von Smolsko entfernt lag, durchgef\u00fchrt worden war. Dort wurde eines der H\u00e4user, in das die Einwohner reingetrieben wurden, mit Benzin begossen und angez\u00fcndet. Auf die Rauslaufenden wurde geschossen. Die Eingeschlossenen im Hof weinten laut, beteten und sangen flehende Kirchenlieder. Bis heute kann ich die Supplikationsgebete nicht mehr h\u00f6ren. Die Deutschen schrien \u201dStille, Stille!- d.h. Ruhe. Das Ganze schien kein Ende zu haben. Sp\u00e4t nachmittags durften einige Frauen mit den kleinen Kindern, so auch unsere Tante Marianne mit Franek und kleinem Janek, nach Hause. Die Gro\u00dfmutter Frania und ihr Mann Wojtek mussten aber mit uns auf dem Hof von Grzyb bleiben. Es waren nicht viele, die solches Gl\u00fcck hatten wie unsere Tante.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend kamen die Lkw und ein Dolmetscher verk\u00fcndete, dass die Menschen statt der h\u00f6lzernen H\u00e4user die gemauerten bekommen werden. Wir sollten den Ort aber verlassen. Hier g\u00e4be es zu viele Banditen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Teil der Abtransportierten, so wie unsere Familie mit Gro\u00dfmutter Frania kamen in das Lager in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zamo%C5%9B%C4%87\">Zamo\u015b\u0107<\/a> und der andere Teil, auch der Onkel Wojtek kam ins Lager <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konzentrations-_und_Vernichtungslager_Lublin-Majdanek\">Majdanek<\/a>. So sah der Beginn unserer Vertreibung aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III<\/strong><strong>. Lageraufenthalte in Polen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen in der Nacht an, wurden wie eine Ware ausgeladen und in eine Baracke getrieben. Das verstreute Stroh auf dem Boden war gleichzeitig unsere Unterlage und unsere Decke. Morgens ein Appell vor der Baracke, das Aufrufen von Namen, Rausholen aus der Gruppe (vorwiegend) von M\u00e4nnern, wobei sie in den seltensten F\u00e4llen zu den Ihren zur\u00fcckkamen. Wie lange wir dort waren? Ich kann es nicht sagen. Die Zeit z\u00e4hlte f\u00fcr uns nicht. Es ging um ganz andere Werte: wie soll man Hunger, K\u00e4lte, Krankheiten, Appelle, die Verh\u00f6rbaracke und die feindlichen Blicke des Lagerpersonals \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob wir was zum Essen bekamen? Ich wei\u00df es nicht. Ich erinnere mich nur, dass ich sehr hungrig war. Es war kalt. Die Bekleidung von mir und meinen Br\u00fcdern bestand aus den d\u00fcnnen Leinenhemdchen, d\u00fcnnen Kleidchen, d\u00fcnnen Hosen. Das schmutzige Gesichtlein, ungek\u00e4mmtes Haar. Wir schafften es nicht, irgendwas von Zuhause mitzunehmen. So sah unser Leben wochenlang aus. Hinter dem Stacheldraht und unter den L\u00e4ufen von Maschinengewehren, die stets auf uns gerichtet waren. So war unser Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit wurden wir in das Lager in <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Zwierzyniec\">Zwierzyniec<\/a> transportiert, wo wir in den Flugzeughangars untergebracht wurden. In die R\u00e4ume wurden sehr viele Menschen reingequetscht. So suchte sich jeder einen Platz, um sich hinzusetzen oder hinzulegen. Im Unterschied zum Lager in Zamosc gab es hier nicht mal Stroh. Als Liegestelle f\u00fcr uns alle diente der Schafspelz von Oma Frania: schmutzig, abgetragen und lausig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lager befand sich im Wald. Die B\u00e4ume, der Stacheldraht, die Wacht\u00fcrme mit auf uns gerichteten Maschinengewehren. Die einzelnen Hangars waren mit Stacheldraht voneinander getrennt. Als Toiletten dienten uns die primitiven Latrinen, die auf offener Fl\u00e4che ausgegrabenen Erdl\u00f6cher, mit ein paar Brettern drauf, ohne jede Abschirmung. Als Wasserbrunnen diente uns ein tiefes Erdloch mit stinkendem Wasser. Die Menschen gingen nach drau\u00dfen, um zu versuchen, sich vom Ungeziefer zu reinigen. Wer zu nahe an den Drahtzaun kam, wurde erschossen. Mit eigenen Augen habe ich es gesehen, wie unser Nachbar aus Smolsko Jan Luchowski am Bein angeschossen wurde und unter Bewachung von Gendarmen durch die anderen Gefangenen aus dem Lager getragen wurde. Den Verletzten und diejenigen, die ihn raustrugen, hat man nie wieder gesehen. Einige der Gefangenen wurden zur Arbeit abgeholt. Sie gingen morgens und kehrten abends in Begleitung der Bewacher zur\u00fcck. Ins Lager wurden immer neue Gefangene aus Zamojszczyzna gebracht. Die Menschen brachen zusammen, verloren den Bezug zur Wirklichkeit, wurden verr\u00fcckt. Es gab die Situationen, dass die Frauen gebaren und die anderen mitgefangenen Frauen halfen dabei. Die st\u00e4rkeren Neugeborenen \u00fcberlebten, die Anderen hatten einfach kein Gl\u00fcck. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in diesem Lager Verh\u00f6re gab. Es war schrecklich: furchtbarer Hunger, L\u00e4usebefall, stinkende Klamottenreste und Ausbreitung von Krankheiten. Diese Zeit war ein Alptraum. Ich erinnere mich an das Bild, als ein Gefangener ein gro\u00dfes Tuch mit getrockneten Brot trug. Daneben ging ein W\u00e4chter. Als, zuf\u00e4llig oder absichtlich, der Inhalt auf den Boden fiel, warfen sich die verhungerten Kinder wie ein Vogelschwarm auf die Reste, ohne R\u00fccksicht auf die Konsequenzen. Fluchtversuche von Gefangenen endeten erfolglos und wurden mit dem Tod bestraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Meines Wissens war Zwierzyniec ein \u00dcbergangslager, wo man die Sortierung von Gefangenen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Aufgaben vornahm. Unserer Familie, die sp\u00e4ter in das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schloss_Lublin\">Schloss Lublin<\/a> kam, wurde eine fremde Gro\u00dfmutter zugeteilt, die wir vorher \u00fcberhaupt nicht kannten. Daf\u00fcr wurde aber unsere Oma Frania der Familie Wolanin zugewiesen. Im Schloss wurde die Desinfektion von Menschen und Lappen, die uns als Bekleidung dienten, durchgef\u00fchrt. Dabei wurden getrennte Gruppen von Frauen und M\u00e4nnern aufgestellt. Die M\u00e4dchen gingen mit den Frauen und die Jungs mit den M\u00e4nnern. Vor den Bader\u00e4umen mussten sich alle nackt ausziehen, was zur \u00dcberzeugung f\u00fchrte, dass es Gaskammern waren. Es waren aber nur B\u00e4der. So wurden die Gefangenen zum Abtransport in das III. Reich vorbereitet. Nach der Reinigung und Entlausung hat man uns Essen gegeben. Die Essensration bestand nur aus Gr\u00fctze. Das wichtigste war aber, dass man sich satt essen konnte. Viele haben es mit dem Leben bezahlt, da die Gastritis zum grauenvollen Tod f\u00fchrte. Auch unsere Mutter erkrankte schwer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, zum Abtransport ins III. Reich wurden wir auf die Viehwaggons verladen. In den Waggons standen wir so eng zueinander, dass die Einnahme einer anderen Position unm\u00f6glich war. F\u00fcr die Luftzufuhr sorgten vergitterte Fenster in der Decke. Die Waggont\u00fcren waren dicht verriegelt. Die Menschen entleerten sich dort, wo sie standen. Ich erinnere mich, dass es den M\u00e4nnern gelang, ein Brett aus dem Fu\u00dfboden zu schlagen, so konnten wenigstens diejenigen, die in der N\u00e4he standen ihre Notdurft in das Loch erledigen. Der Gestank und die M\u00fcdigkeit waren unertr\u00e4glich. Aus dem gesamten Transportverlauf kann ich mich nur an zwei Aufenthalte erinnern, w\u00e4hrend deren wir f\u00fcr kurze Zeit nach drau\u00dfen gelassen wurden. Ich wei\u00df es nicht mehr, wie lange die Reise dauerte An der Stelle m\u00f6chte ich diesen schwierigen und voller Dramatik erf\u00fcllten Abschnitt unseres Lebens abschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I<\/strong><strong>V. Das III. Reich<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unser Reiseziel war Nordrhein-Westfalen. Es k\u00f6nnte D\u00fcsseldorf oder Wuppertal gewesen sein. Unsere erste Bleibe war vermutlich das Geb\u00e4ude einer ehemaligen Kaserne. In der ersten Nacht wurden wir mit Fliegeralarm und Bombardement begr\u00fc\u00dft. Wir mussten an der Mauer stehen bleiben, bis der Alarm aufgehoben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>zu viele M\u00e4uler zum Essen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bald wurden wir zu einem deutschen Bauern gebracht. Dort waren wir ein paar Tage. Die B\u00e4uerin war der Meinung, dass unsere Familie nicht ihren Erwartungen standhielt. Mit nur zwei Erwachsenen und drei kleinen Kindern waren es zu wenige H\u00e4nde zum Arbeiten und zu viele M\u00e4uler zum Essen. Sie gab uns einige Kinderkleider und der Bauer lieferte uns beim Arbeitsamt ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gummersbach und die Spinnerei und Strick- und Wirkwarenfabrik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Station war die Industriestadt Gummersbach und die Spinnerei und Strick- und Wirkwarenfabrik von Emil Wilhelm Sondermann. Wir wurden einer Gruppe der Ausl\u00e4nder angeschlossen, die bereits in seiner Fabrik besch\u00e4ftigt waren. Es waren Familien aus Polen, Russland und Italien. In <a href=\"https:\/\/collections.arolsen-archives.org\/archive\/2-2-0-1_9072400\/?p=1&amp;doc_id=82420982\">unserem Lager<\/a> (<em>Beckestr. 3<\/em>) waren sowohl die Familien als auch die Alleinstehenden untergebracht. Die Wohnbaracken befanden sich bei der Fabrik. Jeder Familie stand eine Zeile zur Verf\u00fcgung. Die Ausstattung bestand aus den mehrst\u00f6ckigen Schlafpritschen, gemeinsamen Waschbecken und Toiletten. Ein paar Schritte weiter befanden sich die K\u00fcche, die Kantine und das B\u00fcro des Lagerf\u00fchrers.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben im Lager, verglichen mit den Lebensbedingungen der Menschen in den besetzten L\u00e4ndern, war relativ gut. Unser Czesiek erkrankte sehr schwer. Die Masern und die Lungenentz\u00fcndung hatten dramatische Auswirkungen bei dem kleinen Kind. Es grenzte an ein Wunder, dass er dank der Lager\u00e4rzte und der Hilfe von dem Lagerf\u00fchrer, Herrn Katwinkel noch gerettet werden konnte. An dieser Stelle m\u00f6chte ich erw\u00e4hnen, dass unsere Familie das Leben von Czasiek den Deutschen zu verdanken hat. Auf einem Foto, das ich noch habe, sind eine Gruppe von polnischen Kindern, Herr Lagerf\u00fchrer, eine Polin, Frau Kalinowska, die K\u00f6chin und eine Russin, die Helferin des Lagerf\u00fchrers, zu sehen. Unsere Mutter, als sie hochschwanger war, wurde von der Arbeit in der Fabrik befreit und f\u00fcr die K\u00fcchenarbeit eingeteilt. Ich habe es noch in Erinnerung, dass sie einen Unfall hatte. Sie war in den Keller gefallen, wo das Gem\u00fcse aufbewahrt wurde. Es war ein gef\u00e4hrlicher Unfall. Es ist wahrscheinlich, dass das Muttermal auf dem R\u00fccken von Maryla, mit der sie schwanger war, dabei entstand. Alle Einwohner des Lagers arbeiteten an den Webst\u00fchlen in der Fabrik.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Arbeit in der Fabrik bekamen sie eine Entlohnung. Es waren keine gro\u00dfen Summen, aber immerhin etwas. Sie wurde auch mit anderen Arbeiten besch\u00e4ftigt. Unser Vater fuhr oft mit dem Pferdewagen im Auftrag seines Abteilungsmeisters. So holte er diverse Sachen, die er gerade brauchte, ab. Meine Mutter ging Putzen in der Villa von Herrn Sondermanns Tochter. Unser Heim war nicht abgeschlossen. Man durfte w\u00e4hrend der Freizeit in die Stadt gehen. Es kamen zu Besuch die Polen, die in den anderen Fabriken oder in den privaten deutschen H\u00e4usern besch\u00e4ftigt waren. Ich erinnere mich an zwei reizenden Polinnen, die uns mit Fahrr\u00e4dern besuchten. Ich m\u00f6chte betonen, dass wir sowohl von den deutschen Nachbarn, als auch von den Deutschen, die mit uns zusammen in der Fabrik arbeiteten, freundlich behandelt wurden. Sie schenkten uns Kleidung und sogar Leckereien. Die Kinder aus unserem Heim betreute ein junges deutsches Fr\u00e4ulein, das auch f\u00fcr deren Hygiene sorgte. Einmal monatlich kam ein katholischer Priester ins Heim. In der Mensabaracke hielt er f\u00fcr uns die Messe und erteilte die Kommunion. Wie ich schon sagte, wir durften unsere Landesleute aus Gummersbach treffen. Es gab auch keine Beschr\u00e4nkungen bei der Korrespondenz mit den Verwandten aus Polen und Deutschland. Unser Vetter Franek, der bei Koblenz bei einem Bauer arbeitete kam auch uns besuchen. Trotz dieser normalen, menschlichen Bedingungen, wurden jedoch die Menschen aus den besetzten Gebieten entsprechend gekennzeichnet. So hatten die erwachsenen Polen auf der linken Seite ihrer Kleidung einen Buchstaben \u201dP\u201d angen\u00e4ht. Die anderen Nationen hatten ihre eigenen Bezeichnungen. Die Kinder aus unserem Lager trugen diese Bezeichnungen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Teil der Fabrik von Herrn Sondermann arbeitete f\u00fcr den Milit\u00e4rbedarf. Dort wurden Kanonenb\u00fcrsten produziert. F\u00fcr diese Arbeit wurden die \u00e4lteren Lagerkinder engagiert. Auch ich arbeitete einige Zeit dort. Unser Vater, der dabei durch den Lagerf\u00fchrer unterst\u00fctzt wurde, wandte sich an Herrn Sondermann mit der Bitte, die gesundheitlich schw\u00e4cheren Kinder von dieser schweren Arbeit zu befreien. Dieser Bitte wurde stattgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr uns alle, auch f\u00fcr die Deutschen, stellten die Luftangriffe dar, die sowohl in der Nacht, als auch am Tag kamen. Die Sirenen warnten dauernd vor der Gefahr. Die Fabrikmitarbeiter und diejenigen, die in der n\u00e4heren Umgebung waren, gingen in den Bunker unter der Fabrik. Es gab auch die Schutzeinrichtungen, die au\u00dferhalb der Fabrik, in den Felsen eingemei\u00dfelt waren. Dort versteckten sich die Einwohner und auch ich, wenn die Eltern nicht bei uns waren. Ich lief oft mit den Br\u00fcdern dorthin. F\u00fcr die Industriecenter, Gro\u00dfst\u00e4dte und Milit\u00e4rs waren diese Luftangriffe sehr gef\u00e4hrlich. Als die Front sich den Grenzen des III. Reichs n\u00e4herte, waren sie stets an der Tagesordnung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>8. Dezember 1944. Das kann man nicht vergessen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Morgen war nebelig, der Himmel bedeckt. Alarm!!! Die Menschen liefen in die Bunker, die Mutter und mit ihr der Vater in die Sanit\u00e4tsstube der Fabrik, weil unsere Schwester Marysia sich diesen Tag aussuchte, um auf die Welt zu kommen. Wir drei, also Ludka, Czesiek und Stach in den Unterfabrikbunker. \u00dcber unserer Stadt w\u00fctete das Bombardement. Die Flugzeuge bombardierten den Zug, der die Milit\u00e4rg\u00fcter transportierte. Die deutschen Jagdflugzeuge griffen die amerikanischen Bomber an, die die Bomben ziellos \u00fcberall abwarfen. Die Angst der Menschen war unbeschreiblich. Und Mama und Papa in der Fabrik ganz allein, ohne Arzt. So kam unsere Marysia auf die Welt. Ich habe so ein Bild vor Augen: ein junger, schwarzhaariger Herr kam mit in den Bunker. Nach dem Luftangriff, beim Verlassen des Bunkers waren seine Haare wei\u00df. Nur innerhalb von ein paar Stunden ergraute er. Dies kann die psychischen Zust\u00e4nde der Menschen gut widerspiegeln. Ich kann es nicht beschreiben, was ich alles in diesen Schreckensstunden erlebte. Eine riesige H\u00f6lle des Feuers, das Heulen von Flugzeugmotoren, die Bombendetonationen. Es war der Tag, an dem die Stadt Gummersbach viele Menschenleben verlor, in der Luft, in den H\u00e4usern, auf den Stra\u00dfen. Und an so einem Tag kam in die Familie unsere Schwester Maria!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Jahre 1944 \u2013 1945- Die letzten Monate des Krieges.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es waren sehr schwere Zeiten f\u00fcr alle, sowohl f\u00fcr die Gefangenen, als auch f\u00fcr die Deutschen. Wir haben uns kaum ausgezogen, immer zur Flucht in die Bunker bereit, in denen sich das Leben abspielte. Die Deutschen und die Ausl\u00e4nder waren in ihrem Leiden vereint. Eines Nachts liefen wir zum Luftschutzbunker und in der Panik war ein 3j\u00e4hriges, polnisches Kind, Wiesio Stasiak, in den Fluss (<em>Becke<\/em>), der an der Fabrik vorbeifloss, gefallen und ertrunken. Nach dem Bombardement meldeten die Eltern das Verschwinden des Kindes. Die Stadtverwaltung leitete die Suchaktion ein. Nach drei Wochen wurde seine Leiche weit entfernt von der Fabrik gefunden. Die Flussstr\u00f6mung brachte sie weit weg vom Unfallort. Auf einem Foto ist Wiesio noch mit uns zu sehen. <a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Zeitbild. Ein Tag wie immer, Mama und Papa bei der Arbeit. Die Sirenen rufen zum Verstecken. Ich nahm Marysia auf den Arm, Czesiek und Staszek neben mir, laufen wir zum Schutzbunker au\u00dferhalb der Fabrik. Mama, die wusste, wo wir sein w\u00fcrden, l\u00e4uft von der Fabrik aus auch zu diesem Bunker. Der Pilot, der gerade \u00fcber die Schienen flog, sieht die laufende Frau, senkt den Flug seiner Maschine und schie\u00dft mit einer Serie aus dem Maschinengewehr auf sie. Es ist nicht zu erkl\u00e4ren, dank welchem Wunder sie \u00fcberlebte. Sie wurde bewusstlos und stand nach Ende des Luftalarms von den Schienen auf..<\/p>\n\n\n\n<p>Um dieses Ereignis besser zu veranschaulichen, versuche ich seinen Lageplan darzustellen. Ein gro\u00dfer Fabrikkomplex. 300 m n\u00f6rdlich befand sich ein Wasserreservoir, \u00f6stlich verliefen die Bahnschienen, wie der Fluss hei\u00dft, der von der s\u00fcdlichen Seite die Fabrik umfloss, wei\u00df ich nicht mehr (<em>vermutlich Becke<\/em>). Die Arbeiter aus unserem Lager, um in die Fabrik zu gelangen, gingen \u00fcber eine kleine Br\u00fccke. Um uns herum die wundersch\u00f6ne, bergische Landschaft Nordrhein-Westfalens, bewachsen mit den L\u00e4rchen, mit den pr\u00e4chtigen Villen an den Bergh\u00e4ngen. \u00d6stlich, hinter den Bahnschienen der Luftschutzbunker, in den Felsen gemei\u00dfelt, \u00fcber den ich schon berichtete.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Jahr 1945, April \u2013 Mai<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Front n\u00e4herte sich unserer Stadt. Der Lagerf\u00fchrer, der keine Lebensmittel mehr hatte, um seine Schutzbefohlenen zu ern\u00e4hren (selbst das Unkraut um das Lager herum, aus dem die Suppe gekocht wurde, war nicht mehr zu finden), entschied sich das Lager zu \u00f6ffnen und uns frei zu lassen. Doch keiner von unseren Mitbr\u00fcdern ging. Wohin auch? Die Arbeit in der Fabrik wurde abgebrochen. Die meiste Zeit verbrachten wir in den Bunkern, da die Bombardements und der Artilleriebeschuss zur Tagesordnung geh\u00f6rten. Wir waren im Luftschutzkeller unter der Fabrik als zu uns die ersten amerikanischen Soldaten kamen. Die Unsicherheit dauerte 2 -3 Tage. Die K\u00e4mpfe dauerten, bis die Amerikaner endlich die Stadt eroberten. Man verk\u00fcndete uns, den Gefangenen des Lagers, dass das Kriegsrecht uns die M\u00f6glichkeit gibt, innerhalb der n\u00e4chsten 24 Stunden mit unseren Verfolgern abzurechnen. Die verhungerten Menschen gingen los auf die Gesch\u00e4fte. Auf dem Fabrikgel\u00e4nde befand sich ein Lager mit Lebensmitteln f\u00fcr deutsche Soldaten. Die Schl\u00f6sser wurden aufgebrochen, die T\u00fcre aufgeschlagen und alles, was man essen konnte, rausgeholt: Der Hunger der letzten 2 Wochen hatte das Seine getan.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brauweiler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kurz danach wurden wir Polen in die Ortschaft Brauweiler gebracht, die sich in der amerikanischen Besatzungszone befand. Am Ort wurde das allt\u00e4gliche Leben organisiert, das menschenw\u00fcrdig war. Jeder Familie wurde ein Wohnlokal zugeteilt, vor allem wurden wir aber eingekleidet und mit den notwendigsten Sachen, die man f\u00fcr das Leben braucht, ausgestattet. Jeder Erwachsene und jedes Kind bekam ein sehr gro\u00dfz\u00fcgiges Lebensmittelpaket, einschlie\u00dflich S\u00fc\u00dfigkeiten und Fr\u00fcchten sowie Hygienemittel. Bedarfsabh\u00e4ngig wurden diverse Stufen von Schulen organisiert, die Sportklubs und Pfadfindergruppen gegr\u00fcndet. So begann sich das Leben langsam zu normalisieren. Die Menschen wurden darauf vorbereitet, die Entscheidung zu treffen, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen wollen. Die Familien aus der amerikanischen Besatzungszone, die w\u00e4hrend des Krieges in den diversen Lagern oder den privaten deutschen H\u00e4usern untergebracht waren, taten sich zusammen. So kamen zu uns nach Brauweiler Onkel Franek mit seiner Verlobten Fela.<\/p>\n\n\n\n<p>Das englische \u201dRote Kreuz\u201d k\u00fcmmerte sich um die Gesundheit der Kinder. Die kinderreichen Familien aus dem Lager wurden in Brauweiler in den Ort Will gebracht und in einem sehr sch\u00f6nen Hotel einquartiert. Es waren einige Familien, auch unser Onkel und Fela waren dabei. Unser Vater Antoni wurde zum Kommandanten des Zentrums ernannt. Bei den Kindern unserer Familie Ludka, Czesiek und Stach bestand Verdacht auf Tuberkulose. Es wurde mit intensiver Therapie begonnen. So wurde Czesiek in einem 10 Km von Will entfernten Krankenhaus untergebracht. Nach ein paar Tagen gelang ihm die Flucht. Er kehrte zur\u00fcck zu seiner Familie. Im Krankenhaus brach eine Panik aus. Um die Behandlung fortzusetzen, wurde dem \u201dFl\u00fcchtling\u201d seine Schwester Ludka beigegeben und die \u00dcberwachung von Patienten verbessert. Nach dem Krankenhausaufenthalt wurde den Kindern weitere klimatische Rehabilitation in der Schweiz angeboten. Es betraf aber nur die drei Kinder: Ludka, Czesiek und Stach. Die Eltern und das j\u00fcngste Kind Maryla sollten in Deutschland bleiben. Selbstverst\u00e4ndlich begann ich so sehr \u201egesund zu werden\u201c, dass keine Rede mehr \u00fcber eine Trennung von den Eltern war.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Vater entschied sich nach Polen zur\u00fcck zu kehren. Mama wollte nicht nach Polen zur\u00fcck. Es bestand die M\u00f6glichkeit, von der viele Gebrauch machten, in den diversen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wohnhaft zu bleiben. Und nicht nur das. Einige haben die Ausreise nach Australien oder Amerika gew\u00e4hlt. Wir w\u00e4hlten Polen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wieder daheim?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem am 30. Mai 1946 die Edukation von den \u00e4lteren Kindern in Brauweiler beendet war, kehrten wir im Juni dieses Jahres auf dem Landweg nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stettin\">Szczecin<\/a> in Polen zur\u00fcck. Die Zugreise dauerte sehr lange. Ende Juni waren wir in Zwierzyniec und von dort erreichten wir mit der Schmalspurbahn Bilgoraj. Von Onkel Franek haben wir uns in Szczecin getrennt. Sie sind nach Koluszki gefahren, wo die Familie von Fela wohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen zu den Gro\u00dfeltern nach Majdan. In Smolsko gab es nichts, zu dem man zur\u00fcckkehren konnte. Das Haus stand zwar immer noch, aber von unserem Hab und Gut blieb nur ein Bild in unserem Ged\u00e4chtnis. Es war noch eine Kuh, die wir bei Luchowski fanden. In Majdan waren wir nur ganz kurz. Nicht ganze zwei Monate. Es sollten Franek und Fela kommen und bei den Gro\u00dfeltern wohnen. Uns wollte niemand dort haben. Der Vater musste wieder sein Erbe an den j\u00fcngeren Bruder abtreten. In der Situation nahm er den Kontakt zu Franek Wolanin auf, der nach dem Krieg auf dem Anwesen seines Herren, bei dem er w\u00e4hrend des Krieges als Sklave arbeitete und im Ort Karlshof, heute <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jarogniew\">Jarogniew<\/a> blieb. Ende August fuhren wir zu ihm \u201dNach Westen\u201d. Die drei \u00e4lteren Kinder wurden eingeschult in <a href=\"https:\/\/kolberg-koerlin.de\/ortsforschung\/gross-jestin\/\">Gro\u00df Jestyn<\/a> (Gostyn), heute Stadt <a href=\"https:\/\/pl.wikipedia.org\/wiki\/Go%C5%9Bcino\">Goscino<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ludka, Ludwika IV Klasse. <em>Jahrgang 1932<\/em>, <em>sie wurde Lehrerin, sp\u00e4ter Schuldirektorin, wohnt heute in <\/em><em>Pila<\/em>.<\/li><li>Czesiek &#8211; Czes\u0142aw III Klasse. Jahrgang 1934, hatte einen Hof in Goscino, wo er starb und beigesetzt wurde.<\/li><li>Staszek &#8211; Stanislaw II Klasse. Jahrgang 37, nach abgebrochener Priesterausbildung wurde Kantor in Goscino, sp\u00e4ter arbeitete in der Eisenh\u00fctte in Sosnowiec. 1982 wegen Aktivit\u00e4ten bei der Solidarnosc durch das Regime zur Auswanderung nach USA gezwungen, wo er zuletzt in Youngstown, Ohio, als Stahlarbeiter t\u00e4tig war, und wo er auch noch heute lebt.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der Vater Antoni, Jahrgang 1906 starb 1980 bei Zosia (einem von 3 Nachkriegskinder) in Rabka. Die Mutter Aniela, Jahrgang 1914, starb 2000 in Goscino, wo sie neben ihren Mann beigesetzt wurde. <a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hier eine Karte des Gel\u00e4ndes, wie es damals aussah:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"869\" height=\"586\" src=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Karte-vor45.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1297\" srcset=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Karte-vor45.jpg 869w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Karte-vor45-300x202.jpg 300w, https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Karte-vor45-768x518.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 869px) 100vw, 869px\" \/><figcaption>Kartenquelle: GeoPortal NRW (https:\/\/www.tim-online.nrw.de\/tim-online2\/)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Fu\u00dfnoten:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>   Mit \u201eIII.Reich\u201c ist das Gebiet des damaligen Deutschen Reiches gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"Priester\">Die Inhaftierung und der Tod des Priesters in Dachau ist durch Dokumente im Arolsen-Archiv belegt: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/collections.arolsen-archives.org\/de\/document\/10148708\" target=\"_blank\">H\u00e4ftlingskarte<\/a>1, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/collections.arolsen-archives.org\/de\/document\/10684064\" target=\"_blank\">H\u00e4ftlingskarte2<\/a>,  <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/collections.arolsen-archives.org\/de\/document\/10148709\" target=\"_blank\">Sterbeurkunde<\/a> (die dort angegebene Todesursache muss nicht richtig sein, h\u00e4ufig wurden von den KZs nat\u00fcrliche Todesursachen angegeben, um Tode in Folge von Folter zu verschleiern)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>  In der milit\u00e4rischen Fachsprache der Wehrmacht und in propagandistischen Darstellungen wurde \u201ePazifikation\u201c euphemistisch gebraucht, beispielsweise f\u00fcr die Zerst\u00f6rung eines Dorfes und die anschlie\u00dfende Ermordung oder Vertreibung seiner Bewohner. (Zitiert nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pazifikation\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pazifikation<\/a> (25.1.2022))<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>  Mit \u201eIII.Reich\u201c ist das Gebiet des damaligen Deutschen Reiches gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>  F\u00fcr den kleinen Jungen gibt es ein Grab auf dem Gummersbacher Grotenbach-Friedhof, siehe <a href=\"https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/gedenkstaette-auf-dem-friedhof-grotenbach-in-gummersbach\/\">https:\/\/www.oberberg-ist-bunt.org\/wordpress\/gedenkstaette-auf-dem-friedhof-grotenbach-in-gummersbach\/<\/a> (letzter Eintrag).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a>  In einer Liste der AOK Gummersbach sind die Eltern mit den Namen \u201eAnton\u201c und \u201eAngela\u201c als Besch\u00e4ftigte bei der Firma Sondermann in der Zeit vom 3. August 1943 bis zum 11. April 1945 gef\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungen (Auszug) eines \u201eKindes von Zamojszczyzna\u201c von Ludwika \u201eLudka\u201c Kot, geborene Kukie\u0142ka I. Das Jahr 1939. Der Krieg Im September 1939 erreichte ich das Schulalter und sollte eingeschult werden. Die Geschichte drehte aber ihr grausames Rad und schrieb f\u00fcr diese Generation ein ganz anderes Drehbuch. 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